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Gestern und heute: Beziehungen Schweiz
- Volksrepublik China
50 Jahre Zusammenspiel
Eric Amhof
Diplomatischer Mitarbeiter, Politische Abteilung II,
EDA
In Oktober 1999 wurde dieser Artikel in der Zeitschrift
Global 4/99 des Eidgenössichen Departement
föur auswörtige Angelegenheiten (EDA) veröffentlicht
(Adresse: EDA, Information, 3003 Bern).
SinOptic bedankt den Verfasser für die Erlaubnis,
diesen Artikel hier zu publizieren.
Version
française
Am kommenden 17. Januar werden es 50 Jahre her sein,
dass die Schweiz die Volksrepublik China offiziell anerkannt
hat. Seither haben sich die Beziehungen markant entwickelt.
Die Nebengeräusche um den Besuch des chinesischen Präsidenten
Jiang Zemin im vergangenen März sollen einer Jubiläumsfeier
nicht im Wege stehen.
Es war ein weitsichtiger und kühner Entscheid, als
der Bundesrat am 17. Januar 1950 beschloss, die Regierung
von Präsident Mao Zedong de jure anzuerkennen
und am 14. September mit ihr diplomatische Beziehungen
aufzunehmen. Die Schweiz gehörte damit zu den ersten
westlichen Staaten, die die Regierung in Peking als
einzige Vertretung Chinas betrachteten.
In diesem halben Jahrhundert offizieller Beziehungen
wurde ein weiter Weg zurückgelegt: Das gesamte Handelsvolumen
wuchs von 167 Mio. Franken im Jahr 1951 auf 2,5 Mia.
im Jahr 1998. Während es in den 50er-Jahren praktisch
keine Schweizer Investitionen in China gab, lagen diese
im vergangenen Jahr bei über 2 Mia US$, und bis heute
wurden über 260 Gemeinschaftsunternehmen (Joint ventures)
gegründet. Auch im Tourismus erfolgte eine bedeutende
Entwicklung: 1950 besuchten rund 1750 Schweizerinnen
und Schweizer China und 780 chinesische Staatsangehörige
die Schweiz; 1998 reisten 28'000 Landsleute nach China
und 25'000 Chinesinnen und Chinesen in die Schweiz (die
Flugzeit zwischen den beiden Ländern verkürzte sich
in der gleichen Zeitspanne von 36 auf unter zehn Stunden).
Heute bestehen zwischen der Schweiz und der Volksrepublik
über 20 bilaterale Verträge.
Autonom gehandelt
Im Rahmen des 30. Jahrestags der Anerkennung der Volksrepublik
China würdigte alt Bundesrat Pierre Graber 1980 die
Weitsicht des bundesrätlichen Entscheids und insbesondere
den Mut seines Vorgängers Max Petitpierre, welcher den
Bundesrat dazu bewegen konnte, "sich über Gewohnheit,
Bedächtigkeit und das vorsichtige Verhalten hinwegzusetzen,
(.) aus eigenem Antrieb zu handeln" und mit der Volksrepublik
China diplomatische Beziehungen aufzunehmen.
Die bilateralen Beziehungen standen also von Anfang
an auf einer entwickungsfähigen Grundlage. Wegen des
kalten Krieges und des chinesischen Isolationismus dauerte
es indessen über zwei Jahrzehnte, bis diese Beziehungen
vertieft werden konnten. Ab 1974 besuchten mehrere Bundesräte
China, und verschiedene offizielle chinesische Persönlichkeiten
kamen in die Schweiz.
Öffnung erlaubt Entwicklung
Ab 1979 ermöglichte die von Deng Xiaoping getragene
Politik der Öffnung und der wirtschaftlichen Reformen
die schnelle Entwicklung der bilateralen Beziehungen
auf allen Ebenen. Die meisten bilateralen Verträge wurden
in den 80er-Jahren unterzeichnet, und 1982 entstand
die Städtepartnerschaft zwischen Zürich und Kunming.
Intensiviert wurden die Beziehungen in den 90er-Jahren,
und zwar nicht nur in den traditionellen Bereichen Wirtschaft
und Handel, sondern auch auf kulturellem, wissenschaftlichem,
akademischem und touristischem Gebiet sowie in Bezug
auf die Menschenrechte (s. Kästchen). Die sehr zahlreichen
hochrangigen Besuche gipfelten 1996 im ersten offiziellen
Besuch eines Schweizer Bundespräsidenten - Jean-Pascal
Delamuraz - in China. Der zweite Höhepunkt folgte im
vergangenen März mit dem ersten offiziellen Besuch eines
chinesischen Präsidenten - Jiang Zemin - in der
Schweiz.
Demonstration mit Folgen
Ganz wie geplant lief dieser Besuch allerdings nicht
ab. Die Präsenz lautstarker pro-tibetanischer Demonstranten
auf dem Bundesplatz und auf den Dächern der benachbarten
Gebäude kurz vor Beginn der offiziellen Zeremonie des
ersten Tages löste beim chinesischen Präsidenten Irritation
aus. Die militärischen Ehren entfielen aus Sicherheitsgründen,
Präsident Jiang Zemin kritisierte die Haltung des Bundesrates
und beklagte sich über den Empfang, der ihm beschieden
war. Während den zwei nächsten Tagen gab es aber keine
weitere Vorfälle.
In den nachfolgenden Diskussionen war viel von Kulturschock
und von unterschiedlichen politischen Traditionen die
Rede - Unterschiede, die es ohne Zweifel gibt. Wichtiger
für die Irritation des chinesischen Präsidenten waren
indessen Fragen rund um die Form des Empfangs und um
die Sicherheit. Nicht so sehr die Präsenz der Demonstrantinnen
und Demonstranten war das Problem, sondern ihre Nähe
und der Ort ihrer Aktivitäten - die Dächer -, der zum
Sicherheitsrisiko wurde.
Vorfälle relativieren
Dass der wichtigste chinesische Besuch in der Schweiz
seit fast einem halben Jahrhundert offizieller Beziehungen
nicht reibungsfrei ablief ist bedauerlich. Im Interesse
beider Länder liegt es aber, diese Vorfälle zu relativieren
und zu den intensiven bilateralen Beziehungen der letzten
Jahre zurückzukehren. Auch Bundesrat Deiss hat vor kurzem
der chinesischen Seite versichert, dass es selbstverständlich
nie die Absicht der Schweiz war, die Gefühle von Präsident
Jiang und des chinesischen Volkes zu verletzen. Weitere
Gelegenheiten, die guten gegenseitigen Beziehungen zu
pflegen, dürften in nächster Zeit hochrangige bilaterale
Treffen bieten (darunter der geplante Besuch von Volkswirtschaftsminister
Pascal Couchepin), bevor im kommenden Jahr der 50. Jahrestag
der diplomatischen Beziehungen gefeiert wird.
Auch wenn die aktuelle Situation in China sicherlich
noch bedeutende Verbesserungsmöglichkeiten hat, so sind
doch die Fortschritte zu würdigen, die in den letzten
zwanzig Jahren in diesem Land erreicht wurden - nicht
zuletzt auch im Bereich der Rechtsstaatlichkeit und
bei der Sensibilisierung für die Menschenrechte.
Die künftigen Beziehungen zur Volksrepublik China wird
unser Land weiterhin unter die fünf Ziele seiner Aussenpolitik
stellen: Wahrung und Förderung von Sicherheit und Frieden;
Förderung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaat;
Förderung der Wohlfahrt; Abbau sozialer Gegensätze;
Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.
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Menschenrechte im Dialog
Mit verschiedenen Instrumenten versucht die Schweiz,
weltweit die Menschenrechte zu fördern. Eine wichtige
Rolle spielt der institutionalisierte bilaterale
Dialog, der zur Zeit mit China, Pakistan, Vietnam,
Marokko und Kuba stattfindet.
Nach den blutigen Ereignissen von 1989 auf dem
Tiananmen-Platz in Peking gehörte die Schweiz
1991 zu den ersten Staaten, die mit China den
Dialog über die Menschenrechte aufnahmen. Seither
fand ein Austausch auf verschiedenen Ebenen statt:
- Mehrere chinesische und schweizerische Expertendelegationen
besuchten die beiden Länder und diskutierten
über Themen wie den Schutz von Gefangenen (Administrativhaft,
Folter, Todesstrafe), die Glaubensfreiheit oder
die Rechte von Frauen und Kindern.
- Die Schweiz intervenierte in China wiederholt
zugunsten von Personen, deren Rechte schwer
verletzt wurden.
- Ein Stipendienprogramm erlaubt chinesischen
Juristen, Forschungsarbeiten oder Stages im
Bereich Recht und Justizsystem der Schweiz zu
machen.
- Im vergangenen Jahr fand als Ergebnis der
Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Föderalismus
in Fribourg und dem chinesischen Institut für
juristische Studien der Akademie für Sozialwissenschaften
eine chinesisch-schweizerische Konferenz über
das Verfassungsrecht statt.
Förderung und Schutz der Menschenrechte machen
einen unverzichtbaren Teil der bilateralen Beziehungen
zwischen der Schweiz und der Volksrepublik China
aus, ebenso wie die Interessen unserer Aussenwirtschaft.
Es gilt, die Zusammenarbeit in Menschenrechtsfragen
und den kritischen, offenen Dialog mit den chinesischen
Behörden immer wieder ins Gleichgewicht mit der
Aussenwirtschaftspolitik zu bringen.
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Chronologie
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1er Oktober 1949
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Gründung der Volksrepublik China
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1950-1953
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Koreakrieg, Intervention der Chinesen
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1956-1957
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Kampagne der "Hundert Blumen"
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1958
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Der "Grosse Sprung vorwärts"
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1959
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Aufstand in Tibet; Flucht des Dalai Lama nach
Indien
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1959-1961
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Die "3 bitteren Jahre " (Rezession,
Hungersnot)
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1960-1961
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Bruch mit der UdSSR; Abzug der sowjetischen Techniker
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1966-1976
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Kulturrevolution
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1971
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Beitritt Chinas zur UNO (Übernahme des Vetorechts
von den Nationalchinesen)
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1972
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US-Präsident Nixon in China
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1976
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Tod Zhou Enlais; Tod Mao Zedongs; Sturz der "Viererbande"
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1977
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Rückkehr Deng Xiaopings
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1978 (Dezember)
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Lancierung der Politik der Öffnung und der Wirtschaftsreformen
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1978 (Nov.)-1979 (März)
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"Pekinger Frühling"
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1982
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Deng Xiaoping kommt an die Macht
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1984
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"Sino-British Declaration on the Question
of Hong Kong"
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1987
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Sino-portugiesisches Abkommen (Rückgabe Macaos
an China im Jahr 1999)
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1989
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Unterdrückung der Studentendemonstrationen ("Tiananmen")
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1992
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Neulancierung der Wirtschaftsreformen durch Deng
Xiaoping
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1997
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Tod von Deng Xiaoping. Rückgabe Hongkongs an
China (1.7.1997)
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1999 (1.10)
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Fünfzigster Jahrestag der Gründung der Volksrepublik
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(20.12)
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Rückgabe Macaos an China
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Steckbrief
| Offizielle
Bezeichnung |
Volksrepublik
China |
| Régime
étatique |
Staatsform |
| Staatschef |
Jiang Zemin |
| Ministerpräsident |
Zhu Rongji |
| Fläche |
9'561'600
km2 |
| Einwohner(1997) |
1'227,2
Millionen |
| Bevölkerungsdichte |
122 Bewohner
/ km2 |
| BSP /
Bewohner (1997) |
860 US$
(auf dem Land : rund 300 US$) |
| Wirtschaftswachstum
BIP |
1995: 10,5;
1996: 9,7; 1997: 8,8; 1998: 7,8 (Prozent pro Jahr
) |
| Sektorielle
Verteilung BIP |
Landwirtschaft:
16,3; Industrie: 55,4; Dienstleistungssektor: 28.3
(1998, in Prozent des BIP) |
| Inflation
(in Prozent) |
1995:
17,1; 1996: 8,3; 1997: 2,8; 1998: -0,8 |
| Aussenhandel |
Exporte
183,4; Importe 134.6 (= + 48.8)(1998, in Mia. US$) |
Présentation des relations
sino-helvétiques dans le site du Ministère chinois
des affaires étrangères.
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