«Chinesische Chronik» - Rita Baldegger

Peking, den 31. Januar 2001

Korruption in China: die Last der Beziehungen
Abscheu vor der Korruption und trotzdem gezwungen, mit ihr zu leben - ein junger Geschäftsmann in Peking erzählt.

"Für Geld kriegt man in China alles!" Wang Tanbai ist Geschäftsmann in Peking. Er spricht bereitwillig über die Korruption in China, doch seinen richtigen Namen will er lieber nicht in der Zeitung sehen. Wang ist Hochschulabsolvent und Ende zwanzig. Seine ständige Sorge sind seine Haare, die sich langsam, aber sicher davonmachen. Seit neustem trägt er sie dauergewellt.

Einem Lob über seine Frisur traut Wang genauso wenig wie seiner Regierung, die er für durch und durch korrupt hält. "Eine Mafia!" entfährt es ihm, "und Jiang Zemin ist der schlimmste von allen! Der muss doch mit Schmiergeld das Militär auf seiner Seite halten!" Mit einer Hand prüft Wang vorsichtig das künstliche Volumen seiner Haare.

Die Anti-Korruptionskampagne der Regierung hält Wang für reine Augenwischerei: "Die Führung prangert das an, worauf die Medien und die Bevölkerung am stärksten reagieren." Wie zum Beispiel die Brandkatastrophe an Weihnachten in einer Diskothek in der Stadt Luoyang; 309 Menschen kamen dabei ums Leben.

Bereits vor drei Jahren war das Gebäude auf die Liste der vierzig gefährlichsten Bauten der Provinz Henan gesetzt worden - die Beamten liessen es dabei bewenden. Der Diskothek war die Bewilligung entzogen worden - die Party ging auch ohne Lizenz weiter. Erst, als es zu spät war, versprach die Regierung den demonstrierenden Familienangehörigen, die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Das sagt die Regierung jedes Mal nach dem Einsturz eines Gebäudes oder einer Brücke - alles Bauten, bei denen die Baubehörden die Abnahme mit geschlossenen Augen, aber ausgestreckter Hand vorgenommen haben.

"Vor zwei, drei Jahren", erinnert sich Wang, "waren Bankangestellte der grosse Renner. Alles brauchte Kredite, und so gab man ihnen Geld, half ihnen beim Kauf einer Wohnung oder stellte ihnen gratis ein Auto zur Verfügung." Mittlerweile werden die Nummernschilder der Autos von Bankangestellten, aber auch von Mitarbeitern der Steuerbehörden genauer überprüft.

Bei den Steuerbehörden sieht Wang, zumindest für ihn, einen kleinen Ein-Mann-Betrieb, keinen Bedarf zur Bestechung: "Bei den vielen Bargeld-Transaktionen ist das nicht nötig; es gibt ja keine Beweise!" Die grossen Firmen laden in der Regel die Steuerbeamten einmal im Jahr zum Essen ein.

Die Polizei wiederum lasse sich mit der richtigen Summe davon überzeugen, einen eingezogenen Fahrausweis wieder auszuhändigen. Wang befühlt die Haarsituation am Hinterkopf. "Wie gesagt, für Geld kriegt man in China alles."

Allerdings, schränkt Wang ein, komme man im täglichen Leben fast ohne Bestechung aus - zumindest in Peking. "Doch Peking ist nicht China! Andernorts führen sich die lokalen Beamte wie Alleinherrscher auf, deren Gunst ein rares und teures Gut ist!"

"Mehr als alles andere", fährt Wang fort, "glauben wir Chinesen an die Macht von Menschen. Es ist eine Tradition; seit jeher basiert alles auf Beziehungen. Personen sind hier wichtiger als Moral und Gesetz!"

Trotz dieser Erkenntnis ist ihm der Ekel vor der alles durchdringenden Korruption ins Gesicht geschrieben. Neben der Tradition gibt es für ihn noch eine Schuldige: "Die Regierung! 1989 haben die Gewehrkugeln auf dem Tiananmen auch unser Gewissen niedergestreckt! Vorher hatten wir einen Sinn für Gerechtigkeit, nachher zählte nur noch der Profit. Denn wir haben gesehen, dass jede Rebellion zwecklos ist."

Er glaubt, dass nur der Untergang der kommunistischen Partei eine Änderung bringen kann: "Wir brauchen ein besseres System!" Und im gleichen Atemzug: "Doch die meisten hoffen weiterhin auf einen Erlöser!"