«Chinesische Chronik» - Rita Baldegger

Peking, den 16. Februar 2001

Jesus' Bruder und der Teufel
Falun Gong wird von der chinesischen Regierung verteufelt und im Westen verherrlicht.

Die Falun Gong-Bewegung ist diese Woche in Oslo für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Die chinesische Regierung wiederum hat geschworen, den "Krieg gegen Falun Gong bis zum Ende auszufechten".

Vor neunzehn Monaten hat die Regierung die Bewegung verboten, und noch immer ist ihr Rückgrat nicht gebrochen. Trotzig halten die Mitglieder an ihrem Kult-Chef Li Hongzhi und seiner eklektischen Lehre fest. Den Platz vor dem Regierungssitz, den Tiananmen, haben sie zur pièce de résistance erklärt.

Im Januar durchbrachen fünf Mitglieder die Routine der friedlichen Demonstrationen auf dem Tiananmen, indem sie versuchten, sich zu verbrennen. Eine Frau starb, die anderen erlitten schwere Verbrennungen, darunter die 12jährige Tochter der Verstorbenen. Die Bewegung behauptet, dass es sich bei den fünf nicht um wirkliche Anhänger handeln könne, da die Lehre das Töten grundsätzlich verbiete.

Für die Anti-Falun Gong-Kampagne der Regierung war das Ereignis ein Glücksfall: So hatte sie dramatisches Filmmaterial zur Verfügung, um die Bevölkerung von der Gefährlichkeit der Lehre zu überzeugen. Während viele Bürger erschüttert auf das Schicksal der Opfer, vor allem des Mädchens, reagiert haben, verteidigt der Westen Falun Gong nach wie vor.

Das westliche Ausland betrachtet Falun Gong als rein spirituelle, apolitische Gruppierung, deren Unterdrückung eine Missachtung der Religionsfreiheit bedeutet. Für die kommunistische Regierung ist Falun Gong ein potentieller Unruheherd, den sie im Keim ersticken möchte - sowohl auf dem Festland und als auch in Hongkong, wo Falun Gong noch erlaubt ist. Dort hat die Leitung ihre Terminologie gegenüber Falun Gong bereits derjenigen von Peking angepasst, aber den Worten bisher keine Taten folgen lassen.

Der Widerstand von Falun Gong ist der sichtbarste Ausdruck von zivilem Ungehorsam in China. Doch für die Regierung ist dies nicht die einzige Front, an der sie gegen den Verlust ihrer Kontrolle kämpft: Im letzten Jahr, meldete Hong Kong iMail, habe es landesweit 100'000 Demonstrationen gegeben. Das sind 270 an einem Tag - fast 70 Prozent mehr als 1999.

Das Ministerium für öffentliche Sicherheit hat nun die Bildung von Polizeisondereinheiten für die Bekämpfung von Krawallen angekündigt. Die Regierung bereitet sich auf wachsende soziale und ethnische Unruhen vor.
Seit zwanzig Jahren steht die Regierung vor einem Dilemma: Wie kann sie die wirtschaftlichen Reformen durchführen, ohne das Ein-Parteien-System aufzugeben? Der Schlüssel ist die Wahrung der gesellschaftlichen Stabilität und der Aufbau eines positiven Images der Aussenwelt gegenüber, um Investitionen anzuziehen und den Handel zu fördern.

Ohne glaubwürdige politische Botschaft ist die einzige Daseinsberechtigung der Partei der wirtschaftliche Fortschritt des Landes. Doch gerade der erfordert von der Bevölkerung Opfer: 6,7 Millionen Freigestellte, (inoffiziell) über 10 Prozent Arbeitslose in den Städten, mehr als 300 Millionen überschüssige Arbeitskräfte auf dem Land. Arbeiter und Bauern protestieren gegen nicht bezahlte Löhne oder überhöhte Steuern.
Früher war das kommunistische System den Menschen ein enges, aber sicheres Korsett. Heute bietet sich Falun Gong für ein gewisses Mass an Sicherheit an. Die chinesische Regierung erkennt nicht, dass die Menschen mehr als die Hoffnung auf einen neuen Mikrowellenherd brauchen. Auf die Sinnsuche ihrer Bürger reagiert sie mit Repression.

Im Bewusstsein der Führung sind die Sekten des dynastischen Chinas präsent. In der Mitte des 19. Jahrhunderts las zum Beispiel ein gewisser Hong Xiuquan christliche Traktate und hielt sich fortan für den jüngeren Bruder von Jesus Christus. Den Teufel erkannte er im Qing-Kaiser. Hong errichtete 1853 in Nanjing das "Himmlische Königreich des Grossen Friedens" (Taiping), das erst nach seinem Tod 1864 zerfiel. Als die kaiserlichen Truppen in die Stadt einmarschierten, zogen die 100'000 Anhänger Hongs den Tod der Niederlage vor.

Peking fürchtet Unruhen und konkurrierende Machtzentren wie der Teufel das Weihwasser. Verbissen betreibt die Regierung das Ausmerzen der Bewegung. Doch damit schafft sie sich nur Märtyrer. Und der Westen ist zufrieden, das Feindbild wieder einmal bestätigt zu haben.