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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Peking, den 20. Februar 2001
Chinas Reifeprüfung
Die Olympia 2008-Inspektoren sind da, und Peking zittert.
Wird die Stadt überzeugen?
Zuerst schrubbten die Brigaden
die Absperrungen in der Strassenmitte. Sie kauerten
neben dem Geländer, das hinter ihnen weiss und
vor ihnen schmutzig war, graubraun wie der Winterhimmel
in Peking. Dann blühten plötzlich Blumen am
Strassenrand, so bunt und froh, dass niemand an ihrer
Künstlichkeit zweifelte.
Später roch es überall nach Farbe: Das Geländer
der Fussgängerbrücke erstrahlte in kräftigem
Türkisblau, und auf dem Asphalt trockneten langsam
die Farblachen. Die Häuser entlang der Strasse
zum Arbeiterstadium (mit neuen knallig roten, gelben
und blauen Sitzen ausgestattet) hatten einen lachsfarbenen
Anstrich erhalten. Arbeiter, die aussahen, als sei an
ihnen abstrakte Malerei geübt worden, bevölkerten
die Innenstadt. Echter Rasen, der ästhetisch nicht
genügte, wurde kurzerhand gefärbt.
Peking, die "Candidate City", hat sich herausgeputzt
für den Besuch der olympischen Inspektoren, die
die Stadt ab Mittwoch unter die Lupe nehmen. Das Signet
für die Olympiade 2008 ist allgegenwärtig;
der Slogan "New Beijing - Great Olympics"
gehört zum Stadtbild. Peking scheint nur noch einen
Daseinszweck zu kennen: endlich als Austragungsort auserkoren
zu werden, endlich die Aufnahmeprüfung in die internationale
Klasse zu bestehen.
Dass niemand dieses Ziel vergisst, dafür sorgt
BOBICO, das "Beijing 2008 Olympic Games Bid Committee".
BOBICO ist eine gut geölte Propagandamaschine,
die einen Berg von Broschüren ausstösst. BOBICO
verbreitet optimistisch die Pluspunkte von Peking: für
6,6 Milliarden US-Dollar eine saubere Umwelt bis 2008
etwa oder die Gewährleistung von sozialer und politischer
Stabilität.
Der Preis, mit der die Stabilität erkauft wird,
hat Peking gegen Sydney verlieren lassen. Damals stolperte
China über die Verfolgung von Dissidenten - wird
es dieses Mal die Unterdrückung von Falun Gong
sein? Oder der rücksichtslose Umgang mit Migranten,
die regelmässig vor wichtigen Ereignissen eingesammelt
und abgeschoben werden?
Laut BOBICO steht die Bevölkerung fast geschlossen
hinter der Kandidatur. Die Pekinger wissen um die Vorteile:
Sie erhalten reine Luft, eine aufpolierte Stadt und
Internationalität. Die Regierung hat bereits Englischunterricht
verordnet. Bis zur Olympiade soll die Hälfte der
Bevölkerung hundert englische Sätze beherrschen. 
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