|
«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Peking, den 4. März 2001
Das Dorfkomitee und die Bürde
des Amtes
Direkte Dorfwahlen gelten als Chinas erster Schritt
zur Demokratie. Sind sie es wirklich?
Von Rita Baldegger, im Dorf
Anye in der Provinz Jilin, Ende Februar 2001
Es ist Wahltag im Dorf Anye. Die Bevölkerung sitzt
im Schulhof, unter sich die kleinen hölzernen Stühle
aus den Klassenzimmern, über sich den blauen Himmel
der Provinz Jilin im Norden Chinas. Die Felder liegen
still unter der Schneedecke.
Die Gesichter unter den Kopftüchern und Mützen
wenden sich den Besuchern zu. Ein Kleinbus hat ein Dutzend
westlicher Journalisten herangekarrt, die gekommen sind,
das Wunder der freien Dorfwahlen zu schauen.
Auf einer Schiefertafel stehen die Namen der acht Kandidaten
für die fünf Ämter im Dorfkomitee: ein
Vorsteher und vier Mitglieder. Vor den Stimmbürgern,
die wie die Kandidaten über achtzehn und im Besitze
ihrer politischen Rechte sein müssen, ist eine
Bühne aufgebaut. Sie bietet dem Wahlkomitee Platz
und der Unterhaltungstruppe, die mit lauter Schlagermusik
die Kälte aus den Gliedern zu vertreiben sucht.
Song Liping steigt als erster für seine Wahlrede
auf die Bühne. Er ist der amtierende Komiteechef,
Mitglied der kommunistischen Partei und ein reicher
Mann. Bauer Song verdient über 2000 Franken pro
Jahr, viermal mehr als das Durchschnittseinkommen im
Dorf.
Song protzt nicht. Seine ganze Haltung drückt
eine grosse Müdigkeit aus. Es scheint, als könne
er nur mit letzter Kraft die Furchen in seinem Gesicht
davon abhalten, ganz der Schwerkraft nachzugeben. In
seiner Rede verspricht er, die Last der Bauern zu erleichtern.
Für das Amt des Komiteechefs kandidieren nur Song
und Gao Deqing, der als nächster seine Versprechungen
in das Mikrofon bellt. Auch Gao, der Parteilose, will
den Bauern dienen.
Der unscheinbare Gao würde nicht auf der Bühne
stehen, wenn ihn nicht ein Teil der 1317 registrierten
Wähler von Anye unterstützt hätte. In
einer Vorselektion, bei der Zettel mit den Funktionen
verteilt wurden, haben Song und Gao die meisten Stimmen
erhalten. Diese Art der Nominierung heisst, chinesisch-blumig,
"Meer-Wahl" (aus einem Meer von Kandidaten
wählen) und ist von den Bauern eingeführt
worden.
Nachdem sich die restlichen Kandidaten, darunter zwei
Frauen, an das Stimmvolk gewandt haben, wird die rote
Urne vor der Bühne versiegelt. Die Wahl beginnt.
Die Stimmbürger erheben sich von den Kinderstühlen
und strecken dankbar ihre Beine. Die Kälte bohrt
sich selbst durch Schichten wattierter Baumwolle, das
nordchinesische Allheilmittel gegen Frostbeulen.
Die Bauern strömen in die langgestreckten Schulhäuser
links und rechts des Platzes. Bald verstopft eine bunte
Traube Menschen den Eingang. Sie drängen in den
schmalen Flur zum Wahllokal, in das jeder alleine treten
muss, um den Stimmschein auszufüllen.
Eine junge Frau mit munteren Augen wartet auf ihren
Einsatz. Sie betreibt seit kurzem eine Schnapsbrennerei,
eine von vielen in dieser sonst industriearmen Gegend.
Mehr als die Hälfte der Bewohner Jilins leben von
der Landwirtschaft. "Natürlich finde ich die
Wahlen gut", sagt sie, "so können wir
schliesslich direkt entscheiden." Wen sie wählen
wird, sagt sie nicht: "Sind ja schliesslich geheime
Wahlen!" Der ganze Flur lacht.
Auf der unasphaltierten Strasse vor dem Schulhof steht
eine Reihe Mittelklassewagen mit verdunkelten Scheiben.
Gut gekleidete Damen und Herren haben sich unter das
Stimmvolk gemischt. "Ach", sagen sie ausweichend,
"wir sind aus der Kreisstadt. Wir helfen nur ein
bisschen bei der Organisation des Anlasses." Ihre
Hilfe besteht vor allem darin, dass sie unvermittelt
auftauchen, wenn ein Journalist eine Frage an einen
Bewohner von Anye richtet.
Zu Li Haibo gesellen sich gleich zwei Aufpasser, als
sie ein Journalist in ein Gespräch zu verwickeln
sucht. Die 19jährige führt zusammen mit ihrer
Mutter den Hof. Der Vater arbeitet, wie so viele andere,
auswärts, ebenso die beiden jüngeren Schwestern,
die kaum dem Schulalter entwachsen sind. Sie verdingen
sich als Serviceangestellte. Nur der Bruder geht noch
in die Schule.
Welche Träume hat Li Haibo für die Zukunft?
Der blaue Lidschatten leuchtet auf, als sie zum Denken
die Augen niederschlägt. Die Ohren der Aufpasser
werden lang. "Ich will mehr Gemüsesorten anpflanzen
und mehr auf dem Markt verkaufen können."
Nachdem sie den Schock des Interviews überwunden
hat, rennt sie dem Journalisten hinterher und hält
ihm ein Blatt Papier entgegen: "Ein Autogramm zur
Erinnerung, bitte!"
Die Leute aus der Stadt verziehen sich vor der Kälte
in ein Büro im Schulhaus. Der Vize-Kreisleiter
von Dongfeng sitzt in einem Anzug von italienischem
Chic vor einem kleinen, tönernen Kohleofen in der
Mitte des Zimmers. Über ihn prangen Porträts
der Säulenheiligen des Kommunismus: Marx, Engels,
Lenin, Mao und, ideologisch nicht ganz passend, aber
chinesischerseits ein Muss, Sun Yat-sen, Vater des republikanischen
Chinas.
Den plötzlich auftauchenden Journalisten, die
ebenfalls Schutz vor der Kälte suchen, werden höflich
Bananen und Mandarinen gereicht. Der Vize-Kreisleiter
überspielt das leichte Unwohlsein über die
aufgezwungene Nähe mit dem Klassenfeind und fängt
an, über die hohe Wahlbeteiligung zu sprechen:
"1290 Wähler heute, das sind 97,95 Prozent!"
Die Wähler haben ihre Stimmscheine in die rote,
versiegelte Urne vor der Bühne gesteckt. Das Siegel
ist gebrochen, die Zettel sind zum ersten Mal gezählt.
Nun werden sie nach Kandidaten sortiert.
Rund um den Schulhof stehen Schiefertafeln. "Song
Liping!" Ein Strich für den Komiteechef. "Wang
Liqing!" Ein Punkt für die Leiterin der Frauengruppe
im Dorfkomitee. Die 33jährige ist bereits seit
sechs Jahren im Komitee und kandidiert für eine
dritte Amtsperiode. Die hübsche Wang mit den grossen
Ohrringen möchte den Frauen im Dorf helfen, reich
zu werden.
Die Kandidaten sitzen während der Auszählung
in der ersten Reihe vor der Bühne. Song Liping
trägt einen resignierten Ausdruck zur Schau. Neben
ihm wartet Wei Yongkuei, ein junger, energetischer Mann,
der zum ersten Mal kandidiert. Nein, er sei nicht nervös.
Wei läuft dunkelrot an. "Wie die Wahlen auch
ausgehen werden, für mich ist es eine gute Gelegenheit,
meinen Charakter zu stärken." Er hat sich
um die Mitgliedschaft in der Partei beworben und befindet
sich in der Probephase.
In der ersten Reihe sitzt auch Liu Guanghe, ein schmächtiger
Mann, der sich im Komitee um die Finanzen kümmert.
Die Konten, sagt Liu, seien öffentlich. Jeder könne
Einsicht nehmen. Im letzten Jahr gab das Komitee rund
2000 Franken aus, vor allem für Unterhaltsarbeiten
an Strassen. Für jedes Projekt braucht das Komitee
die Bewilligung der ad hoc bestimmten Dorfvertretungen.
Die Sonne hat ihren Zenith überschritten, als
der Chef des Wahlkomitees die Sänger auf der Bühne
ablöst und das Mikrofon in die Hand nimmt. Die
Gespräche im Schulhof verstummen. "Gewählt
wurden: Song Liping, Liu Guanghe, Wang Liqing, Wei Yongkuei
und Zhang Menglin." Alle sind Mitglieder der kommunistischen
Partei. Die unterlegenen Kandidaten sind es nicht.
Song Liping hat mit 752 Stimmen deutlich gegen seinen
Konkurrenten Gao Deqing mit 448 Stimmen gewonnen. Weitaus
am besten hat Buchhalter Liu abgeschnitten: Er erhielt
1080 Stimmen.
Wei Yongkuei ist das einzige neue Mitglied im Komitee.
Er löst E Jiliang ab. E Jiliang ist vor einem halben
Jahr für ein Mitglied eingesprungen, das auswärts
Arbeit gefunden hat. Warum hat er es nicht geschafft?
"Die Arbeit hat er nicht schlecht gemacht",
sagt einer aus der Menge, "aber mit den Leuten
konnte er es nicht so gut."
Die Gewählten eilen auf die Bühne. Wahlhelfer
legen dem Komiteechef eine rote Schärpe auf die
Schulter, heften den Komiteemitgliedern eine rote Blume
ans Revers und drücken allen ein von der Provinzregierung
gedrucktes Zertifikat in die Hand.
Die fünf verbeugen sich. Die Wahl bringt ihnen
Ehre, Arbeit und eine Entschädigung zwischen vierhundert
und achthundert Franken pro Jahr. Song Liping verlässt
die Bühne mit hängenden Schultern.
Ein Beweis für Pragmatismus
In Houshi, dem Nachbardorf von Anye, ist der bisherige
Komiteechef und Parteisekretär seinem Herausforderer,
einem parteilosen Angehörigen einer Minderheit,
unterlegen. Der Parteisekretär hat die Niederlage
nicht mit Würde ertragen. Wütend ist er auf
den Sieger losgegangen.
Die Komiteewahlen haben in den Dörfern zum fünften
Mal stattgefunden. "Die Bauern", sagt Liu
Xitang vom Ministerium für Soziales, "müssen
den Umgang mit der Demokratie langsam lernen."
Liu ist sich nicht bewusst, wie onkelhaft seine Worte
in den Ohren ausländischer Beobachter klingen.
Die Regierung in Peking zeigt Dorfwahlen gerne als
Beispiel gelebter Basisdemokratie vor. Dabei hat sie
wenig Grund, sich mit ihnen zu brüsten: Die direkt
gewählten Dorfkomitees sind eine Erfindung der
Bauern.
Vor den Kommunisten gehörte das Land ihnen. Sie
und die Natur bestimmten, welche Früchte ihre Felder
trugen. Mao steckte sie in die Zwangsjacke der Volkskommunen.
Die Bauern zogen auf die Felder wie Arbeiter in die
Fabriken, mit dem wichtigen Unterschied, dass sie nicht
deren Rechte hatten.
Das Fundament für die Industrialisierung Chinas
war der gebeugte Rücken der Bauern. Sie waren die
Schwarzen in einem System der Apartheid mit chinesischen
Charakteristiken: die scharfe Trennung zwischen städtischer
und ländlicher Bevölkerung.
Nach Maos Tod holten sich die Bauern ihre Selbständigkeit
zurück. Mehr und mehr entzogen sie sich der ungeliebten
kollektiven Landarbeit und bestellten die Felder wieder
in Eigenverantwortung. Die Initiative der Bauern entfesselte
ein enormes Wachstum und führte China letztlich
auf den Weg der wirtschaftlichen Reformen.
1980 wählten die Bauern die ersten Dorfkomitees.
Zwei Jahre später erklärte die Regierung die
Direktwahlen für rechtmässig und löste
in der Folge die Kommunen auf. Der Regierung kommt das
Verdienst zu, die Wahlen landesweit eingeführt
und standardisiert zu haben. 1998 wurde ein entsprechendes
Gesetz verabschiedet. Heute wählen in ganz China
über 600 Millionen Bauern rund 3,6 Millionen Mitglieder
in 830'000 Dorfkomitees.
Die Bedeutung eines Dorfkomitees darf indessen nicht
überschätzt werden: Es ist kein Regierungsorgan,
sondern nur eine Organisation zur bäuerlichen Selbstverwaltung,
welche der Gemeinde untersteht. Das Gesetz von 1998
legt zudem fest, dass der kommunistischen Partei eine
zentrale Rolle zukommen soll. Landesweit sind 70 Prozent
der Komiteechefs Parteimitglieder.
Zwanzig Jahre sind seit den ersten Dorfwahlen vergangen.
Das System hat in allen Provinzen Fuss gefasst, die
rechtlichen Voraussetzungen sind geschaffen. Doch wie
weiter?
Dorfwahlen sind kein Beweis für den Willen zu demokratischen
Reformen in China. Dorfwahlen sind vielmehr ein Sieg
des Pragmatismus': Für Peking ist es einfacher
und lukrativer, wenn sich die Bauern selbst verwalten.
(rb.) 
|