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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Peking, den 5. März 2001
Verwelkte Blumen
Chinas Premier Zhu Rongji hat am Nationalen Volkskongress
der Demokratie das Wort geredet.
"Wir müssen demokratische
Wahlen, demokratische Entscheidungsfindung, demokratische
Verwaltung und demokratische Kontrolle praktizieren,
gewährleisten, dass das Volk weitgehende Rechte
und Freiheiten nach dem Gesetz geniesst, und wir müssen
die Menschenrechte respektieren und schützen."
In Peking hat der Nationale Volkskongress begonnen.
Zum Auftakt hat Premier Zhu Rongji den rund 2900 Delegierten
den Grundriss des neuen Fünfjahresplanes dargelegt.
Fast am Ende des Berichts, der sich über weite
Teile mit der Wirtschaftsentwicklung befasste, gelangte
Zhu zum geradezu flammenden Aufruf für Demokratie
und Menschenrechte.
Zhu ist im Volk beliebt und gilt als integer. Kann
er seinem Appell an die Delegierten des Volkskongresses
(weitgehend eine parlamentarische Alibi-Übung)
Glauben schenken?
Letzte Woche ratifizierte China das UNO-Abkommen über
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Damit
hat China den Anforderungen der internationalen Staatengemeinschaft
nach aussen hin Genüge getan und sich gleichzeitig
ein Hintertürchen offengelassen. Peking hat sich
nämlich zu einem wichtigen Punkt im Abkommen nicht
verpflichtet: die Gewährung von freien Gewerkschaften.
Die sind nach chinesischem Recht verboten. Gewerkschaftsaktivisten
werden ebenso verfolgt wie Dissidenten.
Allen Beteuerungen zur Demokratie zum Trotz duldet
die kommunistische Partei keine anderen Organisationen
neben sich. Das zeigt auch die Blindwütigkeit,
mit der Peking die Meditationssekte Falun Gong bekämpft.
Zhu bezeichnet sie in seinem Bericht (nach dem Abschnitt
über Demokratie und Menschenrechte) als "Instrument
der in- und ausländischen feindlichen Kräfte
im Kampf gegen die sozialistische Staatsmacht Chinas."
Kurz vor Beginn des Volkskongresses verurteilten Pekinger
Gerichte 37 Kult-Anhänger zu Gefängnisstrafen
bis zu zehn Jahren, weil sie Falun Gong-Broschüren
verteilt hatten.
"Wir müssen an der Richtlinie 'Lasst hundert
Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander
wetteifern' festhalten und noch mehr und noch bessere
geistige Produkte produzieren", las Zhu Rongji
aus dem Bericht vor. 1957 hatte Mao eine Kampagne gleichen
Namens initiiert. Mao forderte die Intellektuellen auf,
der Partei offen ihre Meinung zu sagen, und sei sie
noch so kritisch. Am Ende des Jahres waren über
300'000 Intellektuelle, die dem Aufruf des Vorsitzenden
gefolgt waren, als "Rechtsabweichler" gebrandmarkt.
Viele landeten in Umerziehungslagern oder im Gefängnis,
andere wurden aufs Land verbannt.
Meinungsfreiheit in China bedeutet, die Meinung der
Partei frei zu äussern. Und was stellt sich Zhu
Rongji unter Demokratie vor? 
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