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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Peking, den 15. März 2001
Mensch und Politiker
Premier Zhu Rongji gratwandert zwischen Menschlichkeit
und Bürokratie.
"Ja, Sie haben recht, ich
bin alt, älter als die meisten hier im Saal."
Zhu Rongji hat seine direkte Art auch nach drei Jahren
als Premier Chinas nicht verloren. Bei der Pressekonferenz
zum Abschluss des diesjährigen Nationalen Volkskongresses
brachte er die versammelten Journalisten zum Klatschen
- und das ist eine Leistung. Die Frage zielte auf Zhus
Leben nach seiner Amtszeit ab.
Zhu winkte ab: "Ich trete erst 2003 von meinem
Posten zurück." Aber in welcher Form auch
immer - er werde sich bis zu seinem Lebensende für
die Menschen Chinas einsetzen. Da hat er noch viel zu
tun.
Zhu lobte die aktive Finanzpolitik der Regierung in
den letzten Jahren, hob die Entschlackung der staatlichen
Ämter hervor, und den USA streckte er die Hand
entgegen. Wohlgesetzt kritisierte er die Staatsangestellten,
deren Geist sich noch nicht von der Planwirtschaft hin
zur sozialen Marktwirtschaft bewegt hätte. Eloquent
und bisweilen amüsant führte er seine Repliken.
Doch bei der Frage nach der Schulexplosion in Jiangxi
vergangene Woche, bei der nach offiziellen Angaben 42
Menschen ums Leben kamen, wurde er ernst. Den Betroffenen
drückte er sein tiefes Beileid aus. Er gab sich
und dem Staatsrat die Schuld, die Katastrophe nicht
verhindert zu haben.
Bei aller Greifbarkeit blieb er bei der offiziellen
Version, dass ein Verrückter die Explosion ausgelöst
habe. Er verwarf die Erklärung, wonach die Kinder
in der Schule Feuerwerkskörper zusammengesetzt
hätten. Diese Angaben stammten von betroffenen
Eltern und überlebenden Kindern. Zhu sagte, dass
es dafür keine Beweise gebe.
Der Premier trug seine Worte mit einer solchen Überzeugungskraft
vor, dass man ihm gerne Glauben geschenkt hätte.
Doch letztlich ist auch er, der Charismatische, Teil
eines Ein-Parteien-Systems, das nach wie vor darauf
bedacht ist, den Status Quo beizubehalten.
Die demokratischen Reformen, von denen er zum Auftakt
des Kongresses sprach, reduzierte er zu ihrer wahren
Dimension: "Wir werden dabei nicht den Westen imitieren!"
Es werde nicht zwei Parteien in der Regierung geben
und auch keinen Kongress. Die Reformen sind eine parteiinterne
Angelegenheit, die das System nicht antasten.
Dass die Volkskongress-Delegierten bei der Schlussabstimmung
deutlich ihr Missfallen über die Korruptionsbekämpfung
und den Staatshaushalt ausgedrückt hatten, wischte
er beiseite. "Das zeigt, dass die Menschen mit
der Arbeit des Staatsrates nicht zufrieden sind. Aber
es bedeutet nicht, dass das Volk das Vertrauen in die
Regierung verloren hat."
Während der Pressekonferenz, die im Fernsehen
übertragen wurde, betonte er immer wieder, dass
das Volk der Regierung vertraut. Tat er dies, um sich
selber davon zu überzeugen? Oder die in- und ausländischen
Medien? Oder die Zuschauer selber? Die Bauern etwa,
welche die Last der Abgaben niederdrückt und die
oft nicht mehr wissen, wie sie ihren Kindern die Ausbildung
bezahlen können? Zhu kündigte eine Steuerreform
auf dem Land an und finanzielle Unterstützung für
die Eltern. Gleichzeitig bezeichnete er die Einkommensunterschiede
zwischen Stadt und Land als nicht besorgniserregend.
Zhu Rongji ist gewieft im Umgang mit den Medien. Er
spielt die Klaviatur vor- und rückwärts und
mit geschlossenen Augen. Der alte Zhu scheint noch da
zu sein. Jener, der zu Beginn seiner Amtszeit gelobte,
keine Mühen zu scheuen und vor keinen Schwierigkeiten
zurückzuschrecken. Doch es ist zu vermuten, dass
auch ihn die Realpolitik eingeholt hat. Er hat noch
zwei Jahre Zeit. 
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