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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Peking, den 2. April 2001
Shijiazhuang und die neue Mauer
Vier Explosionen mit über hundert Toten haben die
Provinzstadt Shijiazhuang erschüttert. Ein Verdächtiger
ist gefasst. Trägt er die Schuld alleine?
Die Mauer ist neu. Sie schützt
ein leeres Gelände vor neugierigen Blicken. Die
Fussgänger und Radfahrer in der Yucai-Strasse in
Shijiazhuang bleiben dennoch stehen. Auf dem Gelände
stand bis zum Morgen des 16. März ein fünfstöckiges
Wohnhaus der Baumwollfabrik Nummer Drei. Dann ging eine
Bombe hoch, und mehr als neunzig Menschen starben in
den Trümmern. Drei weitere Explosionen folgten
innerhalb einer Stunde und liessen die Zahl der Opfer
auf mindestens 108 ansteigen.
Im Haus Nummer 16, das nicht mehr steht, wohnte der
einundvierzigjährige Jin Ruchao, ein hagerer, fast
eins achtzig grosser Mann mit einem Gehörschaden.
1983 hatte ihn die Baumwollfabrik Nummer Drei wegen
Rowdytums entlassen, und 1988 wurde er wegen Vergewaltigung
zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.
Wenige Stunden nach den Explosionen begann die Polizei,
nach ihm zu fahnden. Eine Woche später wurde er
im Südwesten Chinas festgenommen und ist, laut
den staatlich kontrollierten Medien, geständig.
Sein Motiv soll Rache an Nachbarn und Verwandten gewesen
sein.
Shijiazhuang ist drei Zugstunden von Peking entfernt.
Die Fahrt führt vorbei an endlosen, flachen Feldern,
die mit einem Hauch von Grün bedeckt sind und in
deren Mitte schmucklose Hofhäuser stehen. Die Ankunft
in Shijiazhuang erfolgt fast unbemerkt. Obwohl die 1,3-Millionen-Stadt
das politische Zentrum der Provinz Hebei ist, wirkt
sie wie ein Vorort von Peking. Die Gigantomanie der
Hauptstadt wirft ihre Schatten weit, und Shijiazhuang
hält nichts entgegegen, keine geschichtsträchtigen
Sehenswürdigkeiten und keine atemberaubende Skyline.
Shijiazhuang ist tiefe Provinz.
Die Wohnanlage der Baumwollfabrik Nummer Drei ist in
warmes Frühlingslicht getaucht. Es ist friedlich,
und den Menschen ist nicht anzusehen, ob sie einen freien
Nachmittag verbringen oder zu den vierzig Prozent gehören,
deren Arbeitskraft zur Verarbeitung der Baumwolle von
Hebei nicht mehr gebraucht wird. Der Tatort ist mit
Schnüren abgesperrt; Polizisten halten Wache: "Hier
gibt es nichts zu sehen!"
Zwei Pensionierte sitzen in der Anlage auf Klappstühlen
in der Sonne. Sie klagen über ihre kleine Pension
und darüber, dass sie ihre Wohnung nach Jahren
harter Arbeit auch noch kaufen mussten. "Nicht
für viel Geld, aber trotzdem!" Sie kennen
Jin Ruchaos Vater, der im Haus Nummer 15 gewohnt hat,
das beim Anschlag beschädigt wurde. "Wir beachten
ihn nicht", sagen sie. "Sein Verhältnis
mit den Nachbarn war von jeher nicht so gut!"
Die Bewohner vom Haus Nummer 15 sind evakuiert worden
- wohin, wissen die Pensionierten nicht. "Aber
Herr Jin besorgt sich an manchen Nachmittagen eine Zeitung
am Kiosk vor der Shijiazhuang Daily, gleich hier über
der Strasse!" Herr Jin sei leicht zu erkennen:
"Sein Rücken ist ganz krumm, und er braucht
einen Stock."
Die Kioskfrau weiss erst seit den Explosionen, dass
der krumme alte Herr der Vater von Jin Ruchao ist. "Gerade
ist er vorbeigekommen!" Sie vermutet, dass die
Bewohner von Haus Nummer 15 im Gasthaus der Baumwollfabrik
untergekommen sind. Dort verweist man auf das alte Krankenhaus
der Wohnanlage, welches als Unterkunft gebraucht wird.
Der Sicherheitsbeamte des Wohnheims weist den Weg über
die Treppe aus rohem Beton und stösst die Türe
Nummer 218 ohne zu klopfen auf. Das Zimmer ist zwei
Schritte lang und einen Schritt breit. Links steht ein
Kajütenbett, rechts vor dem Fenster ein kleiner
Tisch, davor das Sofa, von dem Jin Shaojin erstaunt
aufblickt. Er fasst sich schnell wieder: "Nein,
es macht mir nichts aus, über meinen Sohn zu sprechen."
Jin Shaojin sieht älter aus als seine 67 Jahre.
Die Haut spannt sich straff über das ausgemergelte
Greisengesicht mit den scharfen Zügen, die er seinem
Sohn weitergegeben hat. "Mein Sohn ist schizophren",
sagt er mit fester Stimme und scheinbar ohne Scheu.
Jin wirkt zugänglicher, als ihn seine Nachbarn
beschrieben haben. "Mit meinen Kindern habe ich
kein Glück gehabt! Meine beiden Söhne sitzen
im Gefängnis, und von den zwei Töchtern schaut
nur eine nach mir!" Der Sicherheitsbeamte sitzt
auf dem unteren Kajütenbett und raucht eine Zigarette.
Jin Shaojin wurde in der südöstlichen Provinz
Jiangsu geboren. Sein Vater starb einen Monat vor seiner
Geburt, seine Mutter, als er sechs Jahre alt war. Er
wuchs bei den Grosseltern väterlicherseits auf.
"Sie waren gut zu mir, aber wir waren sehr arm."
Mit fünfzehn schloss er sich den Kommunisten an
und kämpfte gegen die Guomindang. Mit siebzehn
kämpfte er in Korea gegen die Amerikaner. Er träumte
davon, die ganze Menschheit zu befreien.
Nach dem Koreakrieg kam er nach Shijiazhuang und begann,
in der Baumwollfabrik Nummer Drei zu arbeiten. Jin Shaojin
heiratete, und 1957 wurde seine erste Tochter geboren.
Es schien gut zu laufen für das arme Waisenkind
aus dem Süden, für den Freiheitskämpfer
und Revolutionär. 1958 nahm er Maos Worte von den
hundert Blumen, die blühen sollten, ernst und machte
der Regierung "ein paar Vorschläge",
wie er es vorsichtig ausdrückt, namentlich gegen
die Korruption.
Die hundert Blumen waren schnell verblüht, und
Jin wurde als schlechtes Element gebrandmarkt. Sieben
Jahre lang durfte er nicht arbeiten. Die Familie lebte
vom Gehalt seiner Frau, die 1960 Ruchao und 1962 die
zweite Tochter zur Welt brachte. 1965 holte ihn die
Baumwollfabrik zurück. "Aber dann fing gleich
die Kulturrevolution an!"
Jin Shaojin, der mitgeholfen hatte, die Volksrepublik
China zu gründen, erhielt das Etikett eines Konterrevolutionärs.
Er musste einen Schandhut tragen und auf den Strassen
den Abfall einsammeln. "Und sie haben mich zum
Krüppel geschlagen." Er nimmt den Stock und
steht auf. Der Anblick seines zusammengeklappten Rückens,
der bisher in der Wölbung des Sofas versteckt war,
ist ein Schock. Sein Kopf reicht kaum bis zur Kante
des oberen Kajütenbettes. Als Sohn eines Konterrevolutionärs
wurde auch Jin Ruchao geschlagen, so sehr, dass er fast
vollständig sein Gehör verlor.
1980 wurde Jin Shaojin, der nie mehr in der Baumwollfabrik
Nummer Drei gearbeitet hat, rehabilitiert. Er bezieht
eine Rente, aber nie erhielt er wie andere eine Entschädigung
für seine verlorenen Jahre. Ab und zu suchen ihn,
der beim Grossvater traditionelle chinesische Medizin
gelernt hat, Patienten auf, die von den Ärzten
aufgegeben wurden. "Ich tue es unentgeltlich; schliesslich
bin ich nicht lizenziert." Er habe schon Gehirntumore
geheilt und Krebsgeschwüre.
1997, als sein Sohn vorzeitig aus dem Gefängnis
entlassen wurde, nahmen er und seine Lebensgefährtin
Yuan Yanhua ihn auf. Die Mutter von Ruchao hatte ihn
1989 verlassen und war ein paar Jahre später bei
einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
Yuan Yanhua ist eine mollige Frau in den Fünfzigern.
Neben der Gebrechlichkeit ihres Partners erscheint ihre
Gesundheit fast obszön. Yuan Yanhua ist vom Land
und kann nicht schreiben, nicht einmal ihren eigenen
Namen. Sie sagt dies mit der gleichen Selbstverständlichkeit,
mit der ihr Mann von seinem traurigen Leben erzählt.
"Ich habe keine Kultur", fügt sie an,
und ihre Stimme ist eine Mischung aus Verhöhnung
der anderen, die diesen Satz oft gesagt haben müssen,
und einer leichten Selbstverachtung. Dem Sicherheitsbeamten
bittet sie mit einer an Unterwürfigkeit grenzenden
Höflichkeit immer wieder Zigaretten an.
"Mein Sohn schlug uns", fährt Jin Shaojin
fort. Er und seine Gefährtin flüchteten für
ein paar Monate aufs Land, bis sein Sohn in die Wohnung
im Haus Nummer 16 zog. "Was hätte ich tun
sollen? Ich konnte ihn nicht bändigen!" Nachbarn
schildern Jin Ruchao als verschlossen und eigenbrötlerisch.
Durch seinen Gehörschaden verstand er seine Umgebung
nicht, und die Umgebung verstand ihn nicht. Oft kommunizierte
er mittels Papier und Bleistift. Manche Bewohner der
Anlage wollen es nach den Explosionen schon immer gewusst
haben, dass mit dem etwas nicht stimmen konnte. Doch
er sei nicht dumm gewesen!
"Die Behörden haben uns gefragt, aber wir
wissen nicht, ob er es war!" sagt der Vater. Im
Februar zum Beispiel habe sein Sohn Flugtickets gekauft
- scheinbar für Shenzhen. Jin Ruchao jedoch soll
nach Yunnan geflogen sein und dort am 9. März seine
Ex-Freundin umgebracht haben. "Auch wenn ich könnte,
ich würde ihn nicht sehen wollen! Alles, was meinen
Sohn betrifft, geht mich nichts an!"
Laut Zeitungen hat Jin Ruchao alleine gehandelt. Allein
habe er Sprengstoff gekauft, allein habe er per Taxi
an vier verschiedenen Stellen Sprengstoff deponiert
und gezündet . "Das verlangt grosse Fähigkeiten",
äussert sich eine Bewohnerin lakonisch. Mehr will
sie dazu nicht sagen.
Die Einwohner von Shijiazhuang spekulieren nicht, schon
gar nicht gegenüber ausländischen Journalisten.
Ob die Tat mit dem wegen Korruption abgesetzten Bürgermeister
in Zusammenhang stehen könnte, oder mit der Mafia,
oder mit der Unzufriedenheit der vielen Arbeitslosen,
oder mit allem zusammen, immer heisst es: "Es steht
doch in den Zeitungen! Es war Jin Ruchao!"
Die Polizei von Shijiazhuang hat mittlerweile um die
zwanzig Personen im Zusammenhang mit dem Fall verhaftet.
Ihnen wird vorgeworfen, Sprengstoff an Jin Ruchao verkauft
oder ihn gedeckt zu haben. Das sind viele Beteiligte
für einen Fall, bei dem ein Einzelner die Alleinschuld
tragen soll. Die über 18jährigen Bewohner
der Stadt mussten eine eidesstattliche Versicherung
abgeben, zu Hause keinen Sprengstoff herzustellen.
Jin Ruchao ist ein idealer Verdächtiger: ein behinderter
Sonderling mit einer kriminellen Vergangenheit. Immer
wieder zieht die Regierung sogenannte "Geisteskranke"
als Täter heran, wie jüngst bei der Schulexplosion
in Jiangxi, welche fast vierzig Kindern das Leben gekostet
hat. Aussagen von Betroffenen, dass die Kinder in der
Schule Feuerwerkskörper herstellen mussten, wurden
von der Regierung verneint.
Wenn Jin Ruchao es gewesen ist, dann trifft ihn nicht
die Schuld allein: Aufgewachsen in einer von politischen
Kampagnen zerstörten Familie, verhöhnt und
verspottet und taub geschlagen während der Kulturrevolution
ist auch er ein Opfer. Jede Gesellschaft schafft sich
ihre Monster selber. Der Blick dahinter braucht Mut.
Doch Shijiazhuang hat sich eine neue Mauer gebaut. 
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