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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Chongqing, Ende April
Das neue Gesicht Chinas
Yuan Jing will Präsident von China werden und aus
seiner Heimatstadt Chongqing ein zweites Hongkong machen.
Yuan Jing liebt drei Dinge:
seine Familie, seine Heimatstadt Chongqing und China.
Und er hat ein Sendungsbewusstsein, das so lang und
so breit ist wie der Yangzi, der an Chongqing vorbeifliesst.
Yuan Jing will der Welt zeigen, was er liebt.
Als Physikdoktorand an der Pekinger Elite-Universität
Qinghua trägt Yuan Jing Jeans und Turnschuhe. Zum
zweistündigen Flug nach Chongqing erscheint der
26jährige in Anzug und Krawatte. Höflich nimmt
er seiner ausländischen Begleiterin den Koffer
ab, den er mit der einen Hand zieht, während er
sich mit der anderen ein Handy ans Ohr drückt.
Yuan Jing redet gerne und mit der Eindringlichkeit
eines Missionars. Am liebsten spricht er von seiner
Verlobten, die vor drei Jahren zum MBA-Studium in die
Staaten gegangen ist und heute bei ABB an der Westküste
arbeitet. Vor fünf Jahren lud ihn Zhang Ying zu
einer Bootsfahrt auf dem Yangzi ein. Als Yuan Jing vergeblich
gegen die Strudel des mächtigen Stromes anruderte,
gestand ihm Zhang Ying, dass sie nicht schwimmen konnte.
Verzweifelt sprang er ins Wasser und versuchte, das
Boot an Land zu stossen. Ein Schiff schleppte sie schliesslich
ans Ufer. Dort sank Yuan Jing erschöpft nieder
und sagte zu Zhang Ying: "Wir haben zusammen überlebt,
aber wir wären auch zusammen gestorben." So
begann alles.
Yuan Jing fliegt im Juni zum Nach-Doktorats-Studium
in die USA. "Für meine Verlobte habe ich so
fleissig gearbeitet, für meine Eltern und erst
am Schluss für mich selbst", sagt er mit wohl
dosierter Dramatik. Wenn ihn seine Verlobte am Flughafen
abholt, will er auf die Knie fallen, ihr einen Ring
entgegenstrecken und um ihre Hand anhalten: "Ich
liebe sie so sehr!"
Der Wissenschafter Yuan Jing ist vor einem Jahr auch
zu einem Geschäftsmann geworden. Ein Glaswarenfabrikant
aus Chongqing investierte, und Yuan Jing erledigte den
Rest. Er entwickelte ein Videotelephon, das bald in
Massenproduktion geht. "Heute", sagt Yuan
Jing, "hat mir mein Partner einen Bonus von 242'000
US-Dollar ausbezahlt."(Das jährliche Durchschnittseinkommen
in China betrug 1998 rund 900 USD.) Sein Ego scheint
den Flugzeugsitz zu sprengen. "Und ich sage zu
meiner Verlobten: 'Geh einkaufen, geniesse das Leben!
Ich komme nicht dazu!'"
Trotz Yuan Jings Erfolg sorgt sich seine Verlobte um
ihn. Denn er hat keine Zeit, sich vor der Ehe so richtig
auszutoben. Und nachher würde sie ihm einen Fehltritt
nicht mehr verzeihen. Zwischen Yuan Jings Mandelaugen
(bei ihm ist dieses Klischee ein Muss) erscheint eine
steile Falte: "Es ist so zeitaufwendig, Frauen
kennenzulernen, und zu Prostituierten gehe ich nicht!"
Er seufzt: "Was soll ich tun? Ich habe einfach
keine Zeit, schlecht zu sein!" Der Hongkonger Slapstick-Film
erlöst ihn von seiner Grübelei. Aus dem seriösen
jungen Mann, der selten lacht, wird plötzlich ein
kleiner Junge, der seine Augen nicht von den Küchenchefs,
deren Wettkochen in Gongfu-Kämpfe ausarten, lösen
kann.
Anders als Peking, Shanghai oder Kunming hat Chongqing,
seit 1997 eine regierungsunmittelbare Stadt, keinen
neuen Flughafen. Yuan Jing ist dies etwas peinlich.
Seine Stimmung hellt sich aber auf, als er eine kleine
Dame im schwarzen Kleid und mit weisser Perlenkette
entdeckt: seine zukünftige Schwiegermutter, die
ihn wie einen Sohn behandelt. Auf dem Parkplatz wartet
die Familienlimousine mit den üblichen verdunkelten
Scheiben.
Der Chauffeur fährt auf einer neuen Autobahn in
die Stadt - ein Geschenk der Pekinger Zentralregierung,
die heftig in den Ausbau der Infrastruktur investiert.
In den nächsten fünf Jahren sind 3,6 Milliarden
US-Dollar veranschlagt. Chongqing mit rund 30 Millionen
Einwohnern ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung
von Chinas Westen, eine vor einem Jahr formulierte Wirtschaftsoffensive
Pekings. Als sich der Wagen auf einer neuen Brücke
dem Stadtzentrum nähert, spiegeln sich die Lichter
der Hochhäuser im Yangzi. "Wie Hongkong!"
jubelt Yuan Jing.
Chongqing ist auf Hügeln gebaut und an Gewässern
gelegen. Der Yangzi ist gelb und voller Schiffe, die
Waren und Menschen über Tausende von Kilometern
zum Meer führen. Der Fluss Jialing ist blau und
voller Fische, und dort, wo er mit dem Yangzi in einer
Farbensymphonie zusammenfliesst, hat die Stadtregierung
vor kurzem eine Aussichtsterrasse in Form eines Schiffes
gebaut. Chongqing ist arm an historischen Stätten,
und die wenigen erinnern an die vierziger Jahre, als
China von Japan besetzt und die Stadt der Sitz der Guomindang-Regierung
unter Chiang Kai-shek war.
Ganz in der Nähe der Aussichtsterrasse, am Ufer
des Jialing, ankert ein mehrstöckiges, festlich
beleuchtetes Schiffsrestaurant, das über schwankende
Planken zu erreichen ist. Der Besuch im Schiffsrestaurant
ist Initiation für die Nichteingeweihten und Ritual
der Heimkehr für Yuan Jing. Er wählt die Fische
aus, die in schwimmenden Körben an der Aussenwand
des ausgemusterten Passagierschiffes auf ihre Bestimmung
warten.
Die Fische kommen in grossen Platten und scharfer Sauce
auf den Tisch. Die Sauce ist die Aufnahmeprüfung
für Chongqing: Wer wird vor ihrem Höllenfeuer
kapitulieren? Yuan Jing wischt sich den Schweiss von
der Stirn - er lebt in Peking sehr frugal. Er isst kein
Fleisch, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Und
dreimal in der Woche geht er zum Schattenboxen. Die
Herzbeschwerden, die ihm sein Doppelleben als Forscher
und Geschäftsmann einbrachte, hat er überwunden.
Die Askese erhält ihm seine Gesundheit und seine
Unabhängigkeit: "So kann mich niemand in Versuchung
führen, weder mit Wein noch mit Zigaretten."
Er denkt bereits jetzt an eine Laufbahn als Politiker.
In der Mittelschule, der besten von Chongqing, schrieb
er in einem Aufsatz, dass er Präsident von China
werden wolle. (Der grosse Pragmatiker Deng Xiaoping
stammt auch aus der Gegend.) Yuan Jing ist nicht in
der Kommunistischen Partei. Er möchte erst Mitglied
werden, wenn er das Gefühl hat, der Partei würdig
zu sein.
Zuerst, sagt er, müsse er sich einen Namen als
Wissenschafter machen. Das Wort "Nobelpreis"
fällt. Mehrere amerikanische Elite-Universitäten
haben ihm ein Stipendium angeboten, und ABB hat erfolglos
versucht, ihn mit einem Preis während des Grundstudiums
in seiner Heimatstadt in das Unternehmen zu locken.
ABB betreibt in Chongqing ein Joint Venture für
Transformatoren und ist am Drei-Schluchten-Staudamm
im Yangzi beteiligt, einem für Mensch und Natur
risikoreichen Unterfangen.
Für Yuan Jing kann die Wissenschaft nur eine Zwischenstufe
sein. In seinen Augen sind Wissenschafter ein Werkzeug
der Politiker, und sich von anderen bestimmen zu lassen
ist seine Sache nicht. Als er davon spricht, als Politiker
"China mächtig zu machen und allen Chinesen
ein gutes Leben zu verschaffen", zieht sich sein
linker Mundwinkel leicht nach oben, und auf seinem Gesicht
breitet sich der Ausdruck von einem, den man sich nicht
zum Feind wünscht.
Yuan Jings Eltern sind Intellektuelle, der Vater Physikprofessor
und die Mutter Ärztin, aber zwei Generationen früher
waren seine Vorfahren Krieger. Nach dem Ende des Kaiserreiches
1912 und vor dem Aufstieg der Guomindang in den dreissiger
Jahren führten sie in der Provinz Sichuan, die
Chongqing umschliesst, Armeen in den Krieg. Ein entfernter
Verwandter, General Yuan Shikai, trug massgeblich zum
Niedergang des Kaiserreiches bei.
Yuan Shikai wurde der erste Präsident Chinas, löste
aber bald das Parlament auf und ernannte sich 1915 zum
Kaiser. Ein halbes Jahr später entthronte ihn der
Tod.
Yuan Jing hat den militärischen Cocktail von Strenge,
Disziplin und Durchhaltewillen in seiner Kindheit gelernt:
Wie seine zwei älteren Brüder schickten ihn
seine Eltern mit neun Jahren in eine Dorfschule aufs
Land. Yuan Jing schlief auf Strohmatten, die auf zusammengeschobenen
Klassenbänken lagen und wusch sich am Dorfbrunnen.
"Meine Eltern haben mich nicht zum Bleiben gezwungen",
sagt er, "aber ich wollte nicht aufgeben."
Erst für den Besuch der Mittelschule kam Yuan Jing
wieder nach Chongqing zurück.
Weil seine Eltern vor ein paar Jahren nach Chengdu,
der Provinzhaupstadt von Sichuan, gezogen sind, wohnt
Yuan Jing in Chongqing bei seinen zukünftigen Schwiegereltern
in einer hundertfünfzig Quadratmeter grossen Neubauwohnung
an bester Lage. Der Grossvater der Braut war bereits
unter der Guomindang ein bekannter Bankier, zwei Tanten
sind heute - unter den Kommunisten - Bankdirektorinnen,
und der Vater ist Direktor der drittgrössten Securities-Firma
in China.
Der Weg von der Wohnung zum Befreiungsdenkmal in der
Stadtmitte führt durch eine neu angelegte Fussgängerzone
samt moderner Metallskulpturen vor den Tempeln des Konsums.
Die Einkaufspassage würde sich nicht von der Zürcher
Bahnhofsstrasse unterscheiden, wenn zwischen den Schickimicki-Bauten
nicht halbverfallene Häuser mit russgeschwärzten
Fassaden stünden - Zeugen eines anderen Chongqing.
Die Stadt ist ein traditionelles Zentrum der Schwerindustrie,
und die Staatsbetriebe im Stahl-, Fahrzeug- oder Maschinensektor
haben ihre Angestellten in Scharen nach Hause geschickt.
Offiziell gibt es 20 Prozent Freigestellte und 12 Prozent
Arbeitslose. Betroffene nennen das Doppelte.
Oft ohne staatliche Unterstützung fahren sie Taxis
oder führen einen kleinen Kiosk. Daneben scheint
es in Chongqing nur noch zwei Arten von Geschäften
zu geben: Restaurants und Friseursalons. Der einsame
Sex-Shop in Hafennähe ist eine angenehme Überraschung.
An ihm schleppen sich Lastenträger mit Bambusstangen
auf den Schultern und Plastikschuhen an den Füssen
vorbei; sie und die gelben Taxis prägen das Stadtbild.
Privatautos wie der Honda von Yuan Jings Schwiegereltern
in spe sind selten.
Yuan Jing wiegelt ab: "Die meisten Arbeitslosen
sind zwischen 40 und 55, und die Lastenträger sind
einfach Bauern, die in der Stadt ihr Glück suchen."
Nach einer kurzen Pause fügt er an: "Ohne
Opfer gibt es keinen Fortschritt; das ist unvermeidlich!"
Was er von sich verlangt, erwartet er auch von den Bewohnern
seiner Heimatstadt: dass sie ihr Leben einer Vision
unterordnen.
Unbeirrt glaubt er an Chongqings Zukunft und an seine:
"Wenn meine Braut und ich heiraten, verbinden sich
zwei grosse Familien: Die eine ist im Finanzgeschäft
erfolgreich und die andere in der Wissenschaft."
Mit dieser Hausmacht im Rücken wird er sich an
die Erfüllung seines Traumes machen, Präsident
von China zu werden: "Nichts kann mich von meinem
Ziel abhalten." 
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