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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Beijing, den 22. Mai 2001
Eine Eisenbahn als trojanisches
Pferd
Fünfzig Jahre "Befreiung" durch China
konnten die tibetische Kultur nicht zerstören.
Nun erledigt das vielleicht eine Eisenbahn.
Zum Jubiläum erhält
Tibet eine Eisenbahn von Peking. Die Zentralregierung
feiert die "Befreiung" Tibets vor fünfzig
Jahren, welche am 23. Mai 1951 mit einem 17-Punkte-Abkommen
besiegelt wurde - ein erzwungener Vertrag, aber für
Peking Legitimation genug für die unheilige Allianz
zwischen der kommunistischen Volksrepublik und dem Gottesstaat.
Als weitere Rechtfertigung für die Annektion führt
Peking besonders gern den wirtschaftlichen Fortschritt
an, den es Tibet gebracht hat: Seit 1994 wuchs das Bruttoinlandprodukt
in Tibet jährlich um 12,9 Prozent, und 1997 betrugen
die finanziellen Zuwendungen der Zentralregierung 324
mal mehr als 1952.
Als neusten Coup hat Peking im Rahmen der Westentwicklung
Chinas den Bau einer Eisenbahnlinie zwischen der Provinz
Qinghai (wo ein Teil der rund 6 Millionen Tibeter lebt)
und Lhasa angekündigt. Die 1118 Kilometer lange
Linie führt über äusserst schwieriges
Terrain und soll in sechs Jahren fertiggestellt sein.
Tibet ist die einzige Region, die noch nicht an das
chinesische Eisenbahnnetz angeschlossen ist.
Die Kosten von rund 2,5 Milliarden US-Dollar trägt
die Zentralregierung. Offiziell soll die Bahn zum wirtschaftlichen
Aufschwung der Region beitragen. Typische Produkte wie
Kräutermedizin und Kunsthandwerkliches werden die
Absatzmärkte leichter und günstiger erreichen.
Auch der Tourismus, eine Haupteinnahmequelle Tibets,
wird von den besseren Transportmöglichkeiten profitieren.
Im Jahr 2000 besuchten rund 500'000 Reisende das Dach
der Welt.
Peking wiederum wird einen leichteren Zugang zu den
Bodenschätzen der Gegend haben. Bisher waren dem
Abbau von Erzen und Mineralien durch die schlechten
Transportbedingungen enge Grenzen gesetzt. Hier wird
die Bahn neue Horizonte der Ausbeutung öffnen.
Umweltschützer warnen jetzt schon vor den Folgen.
Für Peking ist die Bahn auch strategisch von Bedeutung.
Tibet ist eine Pufferzone gegen Indien, mit dem China
in langwierige Grenzstreitigkeiten verwickelt ist. Die
Bahn wird die Versorgung der in Tibet stationierten
Truppen erleichtern, und, im Notfall, die Verschiebung
von neuen. Die Truppen sind auch da, um in Tibet eine
- wenn auch angespannte - Ruhe zu gewährleisten.
Immer wieder haben sich die Tibeter gegen die chinesische
Fremdherrschaft erhoben.
Lobsang Gyaltsen, der Bürgermeister von Lhasa,
sagte laut China Daily: "Die Eisenbahn wird moderne
Konzepte und Lebensweisen nach Tibet bringen, aber dies
sollte keine Gefahr für den Glauben der Menschen
darstellen." Der Bürgermeister hat Recht:
Die Gefahr kommt nicht von der Bahn.
Fünfzig Jahre lang hat die Kommunistische Partei
vergeblich versucht, den Dalai Lama aus den Herzen der
Menschen zu reissen. Die Tibeter liessen sich nicht
mit Subventionen kaufen. Der Dalai Lama befindet sich
zur Zeit in den Vereinigten Staaten, wo ihn Präsident
Bush empfangen wird - eine explosive Mischung, die wenig
zu den angespannten sino-amerikanischen Beziehungen
beitragen wird.
Der Dalai Lama, der für Tibet eine grössere
Autonomie, aber keine Unabhängigkeit fordert, flüchtete
1959 nach einem missglückten Aufstand nach Indien.
Im letzten Jahr tat es ihm die dritthöchste Persönlichkeit
im tibetischen Buddhismus, der Karmapa Lama, gleich.
Peking wollte den jungen Geistlichen zu einem pro-chinesischen
Führer formen.
Für diesen Zweck bleibt nur noch der zweithöchste
Würdenträger, der Panchen Lama, den es in
einer von Peking und in einer vom Dalai Lama bestimmten
Reinkarnation gibt. Letzteren hält Peking versteckt.
Trotzdem finden sich Bilder von ihm, dem Karmapa und
dem Dalai Lama in den Häusern der Tibeter, auch
wenn sie das eine Busse kosten kann. Manche landen wegen
ihrer Überzeugung im Gefängnis.
Der Abt des Klosters Nubzur in Kardze wurde 1996 verhaftet,
weil er bei den Behörden brieflich gegen die Ausbeutung
einer Goldmine in der Nähe des Klosters und den
Einfluss der dafür eingewanderten chinesischen
Arbeiter protestierte. Wie das Tibet Information Network
berichtete, wurde Kabukye Rinpoche zu sechs Jahren Gefängnis
verurteilt.
Der Abt hat früh ein Problem erkannt, das für
die Existenz der tibetischen Kultur gefährlicher
sein könnte als die Unterdrückung des Glaubens:
die Einwanderung von Han-Chinesen. In Lhasa und anderen
tibetischen Städten dominiert bereits die Han-Kultur
mit Karaokehallen und Nudelständen. Nun soll auch
den ländlichen Gebieten der chinesische Stempel
aufgedrückt werden.
Die Bahnlinie wird diesen Trend beschleunigen, indem
sie die Migranten direkt in das Herz Tibets bringt.
Nach offiziellen Angaben soll ein Grossteil der Bevölkerung
Tibeter sein. Doch wie lange noch? Ihnen droht das gleiche
Schicksal wie allen Minderheiten in China: fremd im
eigenen Land und zur Touristenattraktion degradiert.
Endstation Lhasa. 
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