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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Beijing, den 28. Juni 2001
Informatik - der Weg nach oben
Informatik ist die beliebteste Berufsrichtung in China,
denn sie verspricht die grössten Aufstiegschancen.
Billy Li sieht müde aus.
"Seit Wochen arbeite ich rund um die Uhr!"
Der 28jährige ist der IT Manager eines australischen
Stahlunternehmens in Peking. Zur Zeit vernetzt er alle
Büros in China mit dem Hauptsitz in Melbourne.
"Ein dringendes Projekt", sagt er und nestelt
eine Zigarette aus dem zerknautschten Päckchen.
Verantwortung hat seinen Preis.
Informatik ist Billy Lis Berufung, aber nicht sein
Beruf: Er ist Bauingenieur. "1989, als ich mein
Studium aufnahm, lag das im Trend, schliesslich war
China eine einzige Baustelle." Doch schon damals
war er mit Computern vertraut. Sein Vater war leitender
Beamter im Erziehungswesen der nordöstlichen Industriestadt
Benxi und hatte 1987 einen IBM-Computer für das
Büro gekauft.
Das Interesse der Behörden am Gerät aus den
USA prallte am Handbuch in Englisch ab. Billy wurde
gerufen. Er war der Sprache mächtig und lernte
so das Computer-Einmaleins. Trotz der Leichtigkeit,
mit der Billy mit der neuen Technologie umging, rieten
ihm die Eltern davon ab, Informatik zu studieren. Für
sie waren Computer nur Mittel zum Zweck. Sein Ingenieurstudium
bereut Billy Li jedoch nicht: "Ein guter Ideenlieferant
für meine jetzige Tätigkeit!"
Zudem konnte er sich glücklich schätzen,
sich für einen der raren Studienplätze qualifiziert
zu haben. Jährlich zittern Millionen an der dreitägigen,
landesweit durchgeführten Aufnahmeprüfung
- ein Nadelör, das für viele zu eng ist. Laut
dem chinesischen Erziehungsministerium hatten im letzten
Jahr 11 Prozent aller 18- bis 22jährigen Zugang
zu einer Hochschule; in entwickelten Ländern ist
diese Rate viermal höher. Nach Angaben des Amts
für Statistik waren im Jahr 2000 5,56 Millionen
Studenten an den 1041 Universitäten immatrikuliert.
Gemäss der letztjährigen Volkszählung
haben 45,71 Millionen Chinesen einen Universitätsabschluss.
Die Zahl ist beeindruckend, entspricht aber nur 3,5
Prozent der Gesamtbevölkerung. In der Schweiz zum
Beispiel wiesen 1998 rund 23 Prozent der 25- bis 64jährigen
eine Ausbildung auf der Tertiärstufe vor. Der gleiche
Zensus brachte zu Tage, dass es in China mit 85,07 Millionen
fast doppelt so viele Analphabeten wie Hochschulabsolventen
gibt.
Die Regierung unternimmt Anstrengungen zur Verbesserung
des Erziehungswesens, getreu der Parole, "die Nation
durch Wissenschaft und Erziehung zu beleben". 1986
führte sie eine neunjährige Schulpflicht ein,
die heute 85 Prozent der Bevölkerung umfasse; die
Zulassungsrate für Universitäten soll bis
2010 15 Prozent betragen; die Regierung erlaubte Privatschulen
(zur Zeit gibt es rund 45'000 private Schulen aller
Stufen); sie fördert den Fern- und Onlineunterricht;
sie lanciert ein Programm zur Steigerung der Lehrerqualität
und sie reorganisiert die Schulen.
Der Reformkatalog ist umfassend, die Parolen sind schmissig,
doch die Tatsache bleibt, dass China 1998 nur 2,5 Prozent
seines Bruttoinlandproduktes - 295 Mrd. RMB (35,7 Mrd.
USD) - für die Erziehung budgetierte. Im internationalen
Vergleich ist das ein lächerlicher Prozentsatz:
Länder der Ersten Welt geben für die Erziehung
im Durchschnitt 5,7 Prozent des BIP aus, und selbst
Entwicklungsländer kommen auf 4,4 Prozent.
Die Zentralregierung wälzt die Ausgabenlast auf
die Provinzen und die lokalen Behörden ab und diese
wiederum auf das Volk. Für Eltern ist die Schulbildung
ihrer Kinder eine teure Angelegenheit geworden, vom
ersten Schultag an, und nicht alle können die Bürde
tragen. In ländlichen und entlegenen Gebieten ist
die Ausstiegsrate hoch.
Als Billy Li zu Beginn der neunziger Jahre die Jiaotong-Universität
in Shanghai besuchte, eine der Spitzen-Hochschulen des
Landes, bezahlte er 100 RMB (12 USD) Einschreibegebühr
pro Semester. Heute belaufen sich die jährlichen
Gebühren für einen Hochschulplatz auf durchschnittlich
5000 RMB (600 USD) - eine stolze Summe: Im letzten Jahr
betrug das Pro-Kopf-Einkommen in den Städten 6280
RMB (756 USD) und 2253 RMB (271 USD) auf dem Land.
Wer er sich irgendwie leisten kann, finanziert seinem
Kind trotz der hohen Kosten eine gute Ausbildung, in
China oder im Ausland. Traditionell wird der Erziehung
grossen Wert beigemessen, und sie ist die Eintrittskarte
in ein besseres Leben. Abschreckende Beispiele für
eine mangelhafte Ausbildung finden sich mehr als genug,
seit Deng Xiaoping ? nach Dekaden der Gleichmacherei
? den Geist des Wettbewerbs aus der Flasche befreite.
Da sich in China das soziale Netz erst im Aufbau befindet,
ist ein Studium eine wichtige Investition in die persönliche,
wirtschaftliche Zukunft. Studiert wird, was die Regierung
als erforderlich für die Entwicklung des Landes
darstellt, was der Markt verlangt und was eine hohe
Aufwärtsmobilität verspricht. Zu Billy Lis
Zeiten war es das Ingenieurwesen, später Internationaler
Handel und jetzt Informatik. Die Hochschulen reagieren
auf den Druck von Regierung, Markt und Studenten und
richten die verlangten Kurse ein - nicht zuletzt, weil
sie sich hauptsächlich mit den Einschreibegebühren
finanzieren.
"In den neunziger Jahren", sagt Kang Kaili,
Leiter der Business School der Beijing University of
Post and Telecommunications, "war der IT-Sektor
der am schnellsten wachsende Wirtschaftsbereich mit
den bestdotierten Stellen. Zusammen mit der Politik
der Regierung, diesem Sektor die wirtschaftliche Führungsrolle
im 21. Jahrhundert zuzuteilen, ist es nicht verwunderlich,
dass die besten Studenten in dieses Fach drängen."
Und im Vergleich zu anderen Richtungen hätten selbst
die Lehrer ein gutes Leben, da sie ihre Fähigkeiten
neben der Lehrtätigkeit in Forschungsprojekten,
Seminaren und Publikationen vermarkten könnten.
Jährlich graduieren an der Beijing University
of Post and Telecommunications 3000 IT-Spezialisten.
Sie sind die crème de la crème und verdienen
nach ihrem Abschluss etwa 20-50 Prozent mehr als ihre
Kollegen. Insgesamt steigen pro Jahr geschätzte
50-80'000 studierte Computerfachleute in den Beruf ein.
Hinzu kommen Quereinsteiger und Autodidakten wie Billy
Li. "Fast alle Mittelschüler und Studenten
in China", sagt Kang Kaili, "verstehen etwas
von Computern! Und Computer-Privatstunden für Primarschüler
sind sehr gefragt, vor allem in den Städten."
Eine letztjährige Umfrage in 63 Städten ergab,
dass Computeringenieur der beliebteste Berufswunsch
der 16- bis 30jährigen ist.
Trotz des grossen Interesses fehlt es wie in Deutschland
und der Schweiz an Computerspezialisten, wobei Fachkräfte
in China generell eine Mangelware sind. "Zwei Monate",
sagt Billy Li, "habe ich gebraucht, um eine Assistentin
zu finden." Neben soliden Informatik- und Englischkenntnissen
achtet er besonders auf die Denkweise: "Die Informatik
dient dem Geschäft und nicht umkehrt. Die Fachleute
müssen den Kunden zuhören, und viele tun das
nicht."
Chinesische Informatiker werden auch vom Ausland umworben.
Vor wenigen Monaten hatte Billy Li die Koffer für
eine Stelle in San Francisco gepackt. Eine chinesische
Headhunter-Firma hatte ihn aufgestöbert, der Chef
war zum Interview nach Peking geflogen, das amerikanische
Arbeitsvisum bewilligt, und das Ticket lag bei United
Airlines bereit. Dann schlug die New Economy-Krise zu,
und das US-Unternehmen meldete einen Auftragsrückgang.
Billy Li hat das Ticket nach San Francisco nie abgeholt.
"Die USA sind das Traumland für jeden Computerspezialisten,
im Gegensatz zu Deutschland oder der Schweiz. Da würde
ich nie hingehen! Aber die Lage der Firma und der US-Wirtschaft
haben mich in letzter Minute abgeschreckt. Mir wurde
klar, dass es in China für einen guten IT-Fachmann
fast unbeschränkte Möglichkeiten gibt, in
bezug auf Position, Weiterbildung und Gehalt."
Billy Li drückt eine letzte Zigarette aus und geht
zurück an die Arbeit. 
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