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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Beijing, den 15. Juli 2001
Einfach nur glücklich
In den Herzen der Pekinger glimmt das Olympia 2008-Feuer.
Peking erwachte am Samstag zu
strahlendem Sonnenschein. Der bleierne Himmel vom Vortag
war gewichen und die Anspannung der Menschen vor der
Olympia-Entscheidung.
Die Bewohner gingen am Samstag wie üblich ihren
Geschäften nach. Nach aussen hatte sich auf den
ersten Blick nichts verändert, doch wenn die Rede
auf die Olympiade 2008 kam, waren sie wie ausgewechselt:
der mürrische Kioskverkäufer brach in ein
weites Lachen aus, und der Mann am Zeitungsstand war
glücklich, dass ihm die Ausgaben nur so aus der
Hand gerissen wurden: "Mehr als doppelt so viele
wie sonst!"
Die Zeitungen waren ein einziges Farbenfest: grossformatige
Bilder mit jubelnden, fähnchenschwingenden Menschen
prangten auf den Frontseiten. Die Pekinger Abendzeitung
jubelte auf dem Titelblatt "Wir haben endlich gewonnen
- der Freudenschrei der Pekinger stürzt Berge um
und bezwingt die Meere". Keine schlechte Umschreibung
für die Euphorie, die Chinas Hauptstadt Freitagnacht
erfasste hatte.
Die Pekinger Morgenzeitung titelte "Peking umarmt
sich" und zeigte darunter eine Reihe Fotos mit
Leuten, die ebendas taten. Das Blatt schrieb der Olympiade
sogar heilende Kräfte zu. In der Notaufnahme des
Chaoyang-Krankenhauses will die Zeitung beobachtet haben,
dass die Patienten die Ärzte nicht mit ihren Wehwehchen
bestürmten, sondern mit der Nachricht, dass Peking
gewonnen habe.
Die Volkszeitung, das Sprachrohr der Kommunistischen
Partei, gedachte in einem Kommentar dem Reformer Deng
Xiaoping, der als erster das Thema einer chinesischen
Olympiakandidatur aufgebracht habe. Die Ehre ging an
Deng, doch die Früchte erntete Präsident Jiang
Zemin, der in der Jubelnacht, zusammen mit Führern
aus Partei und Regierung, vor der feiernden Bevölkerung
am Millennium Monument erschien und der Nation mit fast
versagender Stimme zum Erfolg gratulierte.
"Die Feier war besser als das Frühlingsfest!"
Tracy Duan ist auch am Samstagnachmittag noch ganz von
den Ereignissen erfüllt. Am chinesischen Neujahr
sind in der Hauptstadt keine Feuerwerke erlaubt, doch
nach der Frohbotschaft erhellten sie die Nacht. "Und
selbst die Polizei war fröhlich!" An anderen
Feiertagen achten die Ordnungshüter sonst peinlich
darauf, dass sie über sich und die Einwohner nicht
die Kontrolle verlieren.
Tracy, eine 24-jährige PR-Fachfrau, ist glücklich
über den Sieg Pekings. "Die Olympiade",
sagte sie, "wird viele Arbeitsplätze schaffen."
Fachleute rechnen mit 2 Millionen neuen Stellen. Diese
Prognose ist wichtig für die Menschen in einem
Land, dessen offizielle Arbeitslosenquote innerhalb
von vier Jahren um mehr als das Doppelte - auf derzeit
7 Prozent - angestiegen ist. Nicht nur die Einheimischen
rechnen mit einem Aufschwung der Wirtschaft. "Jetzt
kann es richtig losgehen", freute sich der Schweizer
Urs Stöckli, 39, der in Peking ein Restaurant betreibt
und dabei ist, eine Pasta-Produktion aufzubauen. "Etwas
Besseres als die Olympiade konnte nicht passieren!"
Die 34-jährige Schrifstellerin Gezi, die mit einem
Roman über eine lesbische Liebesbeziehung Aufsehen
erregt hat, glaubt, dass die Olympiade in erster Linie
das Gemeinschaftsgefühl unter den Menschen stärken
wird: "Hier in China, aber auch in Hongkong, Macao
und Taiwan. Der Sieg Pekings macht uns nicht nur stolz,
sondern führt uns auch zusammen." Gezi hofft,
dass die Olympiade zudem den Bildungsstand und die Moral
der Pekinger heben wird. "Wir sind nun Repräsentanten
einer Olympia-Stadt und müssen auf unser Verhalten
achten."
Bezieht sich das auch auf die Menschenrechte? Gezi
reagierte mit Verständnislosigkeit: "Haben
die etwas mit der Olympiade zu tun?" Auch Tracy
Duan zuckte nur die Schultern: "Für die Menschen
hier ist die Olympiade eine fantastische Gelegenheit,
niemand verbindet die Spiele mit den Menschenrechten."
In der Tat ist es nur eine Minderheit, die sich mit
dieser Frage befasst, wie etwa Zhang Xianling, deren
Sohn am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen erschossen wurde:
"Ich bin nicht zufrieden mit der Entscheidung des
Olympischen Komitees. Aber letztlich sind die Spiele
nicht wichtig. Sie werden oberflächlich ein paar
Verbesserungen bringen, aber keine grundlegenden, politischen
Veränderungen." Doch daran denken die meisten
Pekinger nicht. Sie sind einfach nur glücklich.
Eine Olympiade und ihr Wert
Menschenrechtler bezweifeln, ob die Olympiade 2008 China
auf den Pfad der Tugend führen wird.
"Hitler hat ja auch Olympische Spiele ausgerichtet!"
Zhang Xianling ist nicht erfreut darüber, dass
Peking den Zuschlag für die Olympiade 2008 erhalten
hat. Sie verbindet mit der chinesischen Regierung allzu
Schmerzliches: Ihr 19-jähriger Sohn wurde am 4.
Juni 1989 auf dem Tiananmen erschossen.
"Die Olympiade wird die Regierung nicht dazu bringen,
das Verdikt über jene Ereignisse zu revidieren."
Bis heute verteidigt Peking die blutige Niederschlagung
der Protestbewegung und bezeichnet sie als "konterrevolutionäre
Rebellion". Mit einer Gruppe Angehöriger von
Opfern versucht Zhang Xianling seit Jahren, die Regierung
zu einer Untersuchung der Vorgänge zu bewegen,
doch ohne Erfolg.
"Mit seiner Entscheidung hat das Olympische Komitee
nur das Prestige der Kommunistischen Partei erhöht
und sie in ihrem Tun bestätigt." Und was ist
mit dem Prestige Chinas? "China braucht kein Prestige,
auch Peking nicht, unsere Hauptstadt ist bekannt genug.
Was wir brauchen ist keine Form, sondern Inhalt."
Sie bezweifelt nicht, dass die Spiele Peking materielle
Vorteile bringen werden. "Aber nicht bei den Menschenrechten
- da wird sich nichts ändern." Frank Lu vom
"Information Center of Human Rights and Democratic
Movement in China" in Hongkong teilt Zhang Xianlings
Ansicht: "Das hat sich doch schon während
der Bewerbung gezeigt; ohne Skrupel wurde bei Dissidenten
und der Presse hart durchgegriffen."
Einen Tag nach dem Sieg Pekings verurteilte die Regierung
einen chinesischstämmigen US-Wissenschaftler der
Spionage für Taiwan und ordnete seine Ausweisung
an. China hält vier weitere chinesische Akademiker
mit Verbindungen zu den USA aufgrund der gleichen Vorwürfe
fest. Zhang Xianling, die aus der chinesischen Presse
nichts davon erfahren hatte, bezeichnete die Ausweisung
als reinen Tauschhandel: "Das ist doch nur ein
Geschäft und hat mit Menschenrechten nichts zu
tun! Vielleicht sind sie Spione, vielleicht nicht -
ohne Beweise glaube ich der Regierung nichts mehr. Sie
hat zu viele schon angeklagt, zu oft hat sie gelogen!"
Gleichwohl gab Zhang Xianling zu bedenken, dass sich
die Lage im Vergleich zu Zeiten Maos entspannt habe:
"Damals hätte ich mich nicht so frei äussern
können, das wäre unmöglich gewesen."
Jene Zeit hat sie tief geprägt, und auch die Gegenwart
ruft in ihr immer wieder Erinnerungen wach. In den letzten
Monaten, in denen die Regierung die Olympiabewerbung
zum Dauerthema gemacht hatte, fühlte sich die 64-Jährige
zurückversetzt in die Ära der Massenkampagnen.
"Dabei haben wir doch schon genug Kampagnen erlebt!"
Aber letztlich, sagte sie, komme es für sie nicht
darauf an, ob die Olympiade in Peking durchgeführt
werde oder nicht: "Sie ist für mich nicht
wichtig; ich gewinne und ich verliere nichts. Eine Olympiade
kann nichts entscheiden." 
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