|
«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Beijing, den 17. August 2001
Auf einem hohen Ross
Das Ende des sozialistischen Systems hat den Mongolen
Demokratie und Marktwirtschaft gebracht, aber auch Arbeitslosigkeit
und Armut. Die Bürde der neuen Ordnung wiegt für
alle schwer, doch die grösste Last tragen die Frauen.
Ulan Bator ist ehrlich. Es gibt nicht viel, und es
sieht auch so aus. Die Stadt duckt sich in der Hochebene
unter diesem unverschämt blauen Himmel. Die Ränder
sind ausgefranst von Jurten und Holzhäuschen hinter
hohen Bretterzäunen, blickdichten. Die Wege dazwischen
sind Windkanäle, die den Staub durch das Labyrinth
der Siedlungen ins Zentrum zu Sukhbaatar treiben.
Vor achtzig Jahren ist er mit bolschewistischen Truppen
in die Mongolei einmarschiert, weswegen er noch heute
eisern auf dem Platz, der seinen Namen trägt, reitet
und von den Mongolen als Revolutionsheld verehrt wird.
Um ihn herum sind die wuchtigsten Gebäude von Ulan
Bator entstanden, der dominante Klotzbau der Regierung
oder das säulengefasste Opernhaus. Noch eindrücklicher
sind nur die Kraftwerke der Stadt.
Wenn Sukhbaatar den Kopf nach Süden drehen könnte,
sähe er auf der Strasse des Friedens die koreanischen
und japanischen Autos, deren Abgase den würzigen
Grasgeruch aus der Luft vertrieben haben. Doch weil
der Held lieber in die Ferne schaut, sieht er die Strasse
nicht und auch nicht das graue flache Haus, in dessen
Fenstern er sich spiegeln könnte, wenn er nicht
auf einem so hohen Ross sitzen würde. In einem
Hinterzimmer ist das Gender Center for Sustainable Development
eingemietet, eine von sechzig Nichtregierungsorganisationen
für Frauen. Insgesamt gibt es in der Mongolei 2000
NGO's für die 2,4 Millionen Einwohner, von denen
die Hälfte Frauen sind.
Oidov Oyuntsetseg wird von allen nur Oyuna genannt.
Sie ist eine zierliche Person Anfang vierzig, mit scharfem
Blick, perfektem Englisch und viel Persönlichkeit.
Sie ist eine Autorität für Frauenfragen in
der Mongolei: Vor sechs Jahren hat sie das Gender Center
mitbegründet und ist mittlerweile zur Leiterin
des United Nations Development Fund for Women (UNIFEM)
berufen worden.
Oyuna spricht nicht gerne über sich, nicht von
ihren Studien in Moskau, England und Schweden, ihrer
früheren Arbeit in den Medien und der Wissenschaft,
nicht von ihren zwei Söhnen und auch nicht von
ihrem Mann. Sie überreicht ein Interview, das im
Mongol Messenger erschienen ist. Das muss genügen.
Die Zeit ist knapp und ihre Mission ist wichtig: den
Frauen ihren gerechten Anteil an der Gesellschaft zu
sichern.
Die Weltläufte haben die Welt Oyunas und aller
mongolischen Frauen in zwei Teile zerschnitten, vor
1990 und nachher. Vorher gab es die kommunistische Volksrepublik
mit einer seligmachenden Ideologie und der allmächtigen
Revolutionären Volkspartei. Vorher gab es die Hilfe
der Sowjetunion und den ganzen Ostblock als garantierten
Wirtschaftsraum für den Kupfer und das Kaschmir.
Das Nomadenland wurde industrialisiert und der Viehbestand
kollektiviert. Für Arbeit, Erziehung und Gesundheit
war gesorgt, und zwischen Mann und Frau herrschte verordnete
Gleichheit. Die Kehrseite der Medaille war die Unterdrückung
der buddhistischen Volksreligion und politischer Zwang.
Dann verschwand die Sowjetunion und mit ihr die Unterstützung,
die 30 Prozent des mongolischen Bruttoinlandproduktes
ausmachte. Die Mongolei machte auf der Stelle ideologisch
rechtsumkehrt, erfand sich neu als parlamentarische
Demokratie und stürzte sich in die freie Marktwirtschaft.
Doch ohne die Exportmärkte und ohne Expertise,
Kapital und Rohstoffe aus der Sowjetunion schrumpfte
die Wirtschaft. Das Land wurde de-industrialisiert.
Das Ausweichen auf den Abbau der reichlich vorhandenen
Bodenschätze, die traditionelle Viehzucht und den
privaten Sektor konnte nicht verhindern, dass der Lebensstandard
der Mongolen drastisch sank. Trotz Geldern von internationalen
Organisationen und Geberländern liegt das Bruttoinlandprodukt
heute unter dem Stand von 1990.
Den Frauen drohte, dass die Gleichberechtigung im Strudel
der Veränderung unterging. Und das will Oyuna verhindern,
mit Studien, die zeigen, was den Frauen im letzten Jahrzehnt
genommen wurde, mit Fakten und Zahlen, welche sie der
Regierung vorhält, um sie zum Handeln zu bewegen.
Die Überzeugungsarbeit ist schwer, denn in der
Regierung sitzen fast nur Männer. Das sozialistische
Regime gewährte den Frauen 1924 das Stimm- und
Wahlrecht und führte im Parlament eine Frauenquote
von 25 Prozent ein. Oyunas Brillengläser blitzen:
"50 Prozent wären gerecht gewesen! Wir Frauen
wurden als schützenswerte Wesen wahrgenommen, aber
nicht als treibende Kräfte für die politische
Entwicklung!" Trotz der Halbherzigkeit der Massnahme
war den Frauen zumindest eine ständige Vertretung
in der Regierung gesichert.
Nach der Auflösung des alten Systems verschwanden
die Frauen fast vollständig aus der Politik: 1992
sassen noch 3,9 Prozent Frauen im Parlament. Bei den
Wahlen 1996 und 2000 sicherten sich die Frauen je wieder
10,5 Prozent der Sitze. Allerdings stieg auch die Anzahl
der Kandidatinnen im Vergleich zu 1992 um fast das Dreifache,
das heisst, dass sich die Wahlchancen der Frauen verringerten.
Baldan Shatar schreitet majestätisch durch das
Sitzungszimmer im Parlament, in dem strenge Bekleidungsvorschriften
herrschen. Die kräftige Mittfünfzigerin trägt
ein schwarzes Nadelstreifenkostüm, eine strenge
Brille und dezente Perlenohrstecker. Sie ist als Vorsitzende
des Nationalen Rates für die Gleichheit der Geschlechter
eine wichtige Ansprechpartnerin für Oyuna.
Shatar ist eine Politikveteranin mit 26 Jahren Erfahrung.
Hochgearbeitet hat sich die Anwältin als Leiterin
von lokalen Organisationen der Revolutionären Volkspartei.
Diese machte ihre Niederlage von 1996 gegen die Demokraten
bei den Wahlen im letzten Jahr mehr als wett und kann
nun praktisch im Alleingang regieren: 72 der 76 Parlamentssitze
gehören der Revolutionären Volkspartei; sie
stellt den Präsidenten (der in diesem Jahr für
eine zweite Amtsperiode gewählt wurde), sie stellt
den Ministerpräsidenten und die Gouverneure aller
Provinzen. Die Demokraten hatten sich mit Korruptionsskandalen
die Gunst der Wähler verscherzt.
Die Mongolen, zermürbt von zehn Jahren im marktwirtschaftlichen
Freiflug, hoffen auf die Revolutionäre Volkspartei,
die sich nicht mehr als kommunistisch, sondern als mitte-links
bezeichnet. Und die Frauen hoffen, dass die Partei das
"Nationale Frauenförderungs-programm"
in die Tat umsetzen wird. Shatar ist zuversichtlich:
"Die neue Regierung misst der Gleichberechtigung
mehr Gewicht bei." Aber eine Ministerin, zum Beispiel,
gibt es nicht.
Shatar gibt zu, dass es nicht einfach sei, den Männern
das Prinzip der Geschlechtergleichheit zu erklären.
Siebzig Jahre sozialistisch verordnete Gleichberechtigung
haben nicht genügt, das traditionelle Konzept der
Frau als Mutter und Dienerin des Mannes zu untergraben.
Was hilft, ist der Einbezug der Männer: "In
der ersten Phase des Frauenförderungsprogrammes
von 1995 bis 2000 haben wir festgestellt, dass wir nicht
ohne die Männer vorwärtsgehen können."
Denn nicht in allen Gebieten haben die Frauen den Kürzeren
gezogen. Vor allem in der Erziehung schwingen sie obenauf.
Zum einen stellen sie 75 Prozent aller Lehrkräfte
(wobei die Schulleiter in der Regel Männer sind),
zum anderen sind mehr Mädchen als Knaben in den
Schulen eingeschrieben. 1999 besuchten über 90
Prozent aller Mädchen im Alter von 12-15 Jahren
die Schule, bei den Knaben waren es nur 80 Prozent.
An den Hochschulen sind 70 Prozent der Studierenden
weiblich.
Nach dem Zerfall des alten Systems wichen viele Mongolen
auf die Viehzucht aus, und dafür werden die Knaben
nun beigezogen. Sie finanzieren mit ihrer Arbeit die
Erziehung der Mädchen. Die Ansicht herrscht vor,
dass Mädchen nur mit einer guten Ausbildung bestehen
können, während den Knaben ihre Körperkraft
- mit der Aussicht, Vorsteher eines Viehzuchthaushalts
zu werden - genügen sollte. Diese Denkweise - und
die wirtschaftliche Notwendigkeit - untergräbt
jedoch den hohen, flächendeckenden Ausbildungsstand,
der unter dem sozialistischen Regime erreicht wurde.
Die Alphabetisierungsrate betrug 98 Prozent bei den
Männern und 95 Prozent bei den Frauen. Heute ist
sie allgemein auf geschätzte 87 Prozent gesunken.
Geht die Entwicklung ungehindert weiter, werden ausgebildete
Männer in der Mongolei ebenso zu einer Rarität
werden wie jetzt die Frauen in der Politik.
Die Sorge um die Zukunft der mongolischen Knaben hat
die Distanz der Männer zur Geschlechterfrage erheblich
verkürzt. Im 15-köpfigen Nationalen Rat für
die Gleichheit der Geschlechter engagieren sich neben
Politikern und Nichtregierungsorganisationen auch Vertreter
der Privatwirtschaft, welche die Massnahmen des Rates
finanziell unterstützen können. Frauen stehen
kaum an der Spitze eines grossen Unternehmens; in Ulan
Bator sind es nur eine Handvoll.
Sukhee ist eine von ihnen. Die Fünfzigjährige
wäre eine ideale Kandidatin für den Nationalen
Rat für die Gleichheit der Geschlechter, doch sie
will Politik und Wirtschaft nicht miteinander vermischen.
Vor acht Jahren hat sie ihre Firma, die nach ihrem Sohn
Tuscheg benannt ist, mit Bankkrediten gestartet. Damals
betrug die monatliche Zinsrate 20 Prozent; heute ist
Sukhee schuldenfrei. Mittlerweile arbeiten für
sie über 800 Angestellte in der Kleiderproduktion,
im Handel, in den Supermärkten, den Parfümerien
und im Bauwesen. Sukhee wurde zur Geschäftsfrau
des Jahres 2000 erkoren.
Ihr Büro im Stadtzentrum, in einem modernen, mehrstöckigen
Haus ohne Eigenschaften, ist ein Ballsaal mit offenem
Kamin, einer schweren Ledergarnitur auf der einen Seite
und einem ausladenden Schreibtisch auf der anderen.
Sukhee passt nicht zu dieser stilisierten Umgebung in
Weiss. Sie ist mollig, leger gekleidet in Dreiviertelhose
und einem karierten Hemd, die personifizierte Mütterlichkeit
und Herzlichkeit. Und eine unerschütterliche Optimistin:
"Ich habe immer hart gearbeitet und mein Bestes
gegeben, früher als Präsidentin des Staatlichen
Kaufhauses und heute in meiner Firma. Die Menschen,
inklusive meines Mannes, haben mich immer unterstützt!"
Erfolg ist für sie eine Frage des Einsatzes und
nicht des Geschlechts: 90 Prozent ihrer Angestellten
sind Frauen. "Viele Leute hier sind nicht fleissig
genug! Die Mongolen sind ein romantisches Volk, mit
schönen Träumen für die Zukunft, aber
wenig Taten in der Gegenwart." Es sei schwierig,
gute Kräfte zu finden. Ihren neuen Supermarkt baut
sie mit Ingenieuren aus China.
Erst während des Abendessens, nach einer paar
Gläsern importierten Weins aus ihrem Supermarkt,
erinnert sie sich an Steine, die man ihr als Frau in
den Weg legte, auch im Sozialismus. Nach ihrem Wirtschaftsstudium
wurde sie, obwohl Klassenbeste, einer Stelle in einer
unwirtlichen Provinz zugeteilt. Sie lehnte aus familiären
Gründen ab und musste als kleine Verkäuferin
in Ulan Bator ganz unten anfangen.
Nachteile auf dem Arbeitsmarkt aufgrund des Geschlechts
gehören für die heutigen Mongolinnen zum Alltag.
Die neue Wirtschaftsordnung hat die ganze Gesellschaft
durchgeschüttelt, aber die Frauen zahlen einen
höheren Preis. "Die Frauen waren die ersten,
die bei der Umstrukturierung im Erziehungs- und Gesundheitswesen,
in der verarbeitenden Industrie und im Handel entlassen
wurden. Das alles sind Bereiche, in denen die Frauen
dominierten", sagt Oyuna. 1998 betrug die offizielle
Arbeitslosenrate 6,4 Prozent bei den Frauen und 5,2
Prozent bei den Männern. Diese Zahlen erfassen
jedoch die Dimension des Problems nicht, da sich Männer
wie Frauen aufgrund der geringen Unterstützung
oft gar nicht beim Arbeitsamt melden. Die Arbeitslosenrate
wird heute insgesamt auf 40-50 Prozent geschätzt.
Der sozialistische Staat hatte die Geburtenfreudigkeit
der Frauen gefördert. Im neuen System wurde ihnen
die Fähigkeit zum Gebären zum Stolperstein.
Staatliche Einrichtungen für die Betreuung der
Kinder wurden drastisch gekürzt oder privatisiert.
Das Rentenrecht von 1990 besagt, dass Frauen zwischen
35 und 55 mit vier und mehr Kindern pensioniert werden
können. Diese Regelung, als Mutterschutz gedacht,
bietet im veränderten Klima einen praktischen Vorwand
für eine Entlassung. Für Stellen im privaten
Sektor, der heute 70 Prozent des Bruttoinlandproduktes
ausmacht, müssen Frauen oft auf soziale Ansprüche
wie das Wochengeld verzichten. In der Regel besetzen
die Frauen untere und mittlere Positionen mit den damit
verbundenen niedrigeren Einkommen, im staatlichen wie
im privaten Bereich.
Eine Stelle allein schützt weder Frauen noch Männer
vor dem Abgleiten in die Armut. Bei einem monatlichen
Durchschnittseinkommen von zirka 80 USD reicht den Familien
ein Gehalt zum Leben nicht. Nur finden sich Frauen zunehmend
alleine an der Spitze eines Haushaltes: Zwischen 1993
und 1998 stieg die Anzahl der Familien mit einem weiblichen
Vorstand um 44 Prozent. Mit der Wirtschaft bröckelte
auch die Gesellschaft. Die Armut ist in der Mongolei
zu einem allgemeinen Phänomen geworden - 1998 lebten
36 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze
-, doch von Frauen geleitete Haushalte sind stärker
davon betroffen als jene von Männern.
Vor einem Fenster im Erdgeschoss des Mercy Hospitals
in Ulan Bator drängen sich die Menschen. Es ist
Mittagszeit, Zeit für ein freies Mahl. Täglich
gibt das einzige Armenkrankenhaus der Mongolei 300 Essen
aus. Oyun steht geduldig mit ihrer kleinen Tochter auf
dem Arm in der unordentlichen Reihe. Der Sohn ist 15,
der Mann ist gestorben. Die 41-jährige Oyun trägt
einen modernen Kurzhaarschnitt, ihr Pullover ist blütenweiss,
das Gesicht fast faltenlos. Von Beruf ist sie Buchhalterin.
Sie hält sich mit einer kleinen Bäckerei über
Wasser, die sie zusammen mit Freundinnen betreibt. Die
80 USD pro Monat reichen nicht - "nicht als alleinerziehende
Mutter mit Kindern." Und warum arbeitet sie nicht
in ihrem angestammten Beruf? "Ab 35 ist man zu
alt."
Das sagt auch Oyunchimeg. Sie ist 39, Mongolischlehrerin
und arbeitslos. Zu alt. Und zu krank, um sich wie Oyun
selbständig zu machen. Sie und ihre zwei Kinder
leben vom Verdienst der jüngsten Tochter. Die ist
13 und füttert in einem Kloster die Vögel.
Einen halben Dollar kriegt sie dafür im Tag. Ihr
Ex-Mann kümmert sich nicht um die Familie. Und
was ist mit dem Staat? "Ich weiss es nicht. Der
gibt uns nichts. Deshalb kommen wir hierher zum Mercy
Hospital, für eine Mahlzeit, für Kleider und
die freie medizinische Versorgung." Das Krankenhaus
ihres Distrikts, wo sie in einer geliehenen Jurte ohne
Elektrizität wohnt, hatte Oyunchimeg abgelehnt,
weil sie nicht versichert ist. Für eine Krankenversicherung
müsste sie sich in Ulan Bator anmelden, aber das
kann sie sich nicht leisten. Migranten vom Land wie
Oyunchimeg haben die Bevölkerung in der Hauptstadt
auf inoffizielle 1,1 Millionen anschwellen lassen.
"Wir behandeln alle, die keine Versicherung haben.
Das ist die einzige Aufnahmebedingung bei uns."
Schwester Marie Martine von der Fraternité Notre
Dame hat das Mercy Hospital aufgebaut und leitet es.
Und so kommen sie zu ihr, die Strassenkinder mit den
Verbrennungen von den Röhren in den Heizungsschächten,
die Frauen mit den unterernährten und lungenkranken
Kindern und die Männer mit der Leberzhirrose. Fast
20 Prozent der mongolischen Männer sind exzessive
Trinker. Wodka können sie sich allemal leisten;
mit 2 USD sind sie dabei. Sie flüchten sich vor
der Unsicherheit, der Arbeitslosigkeit, der Armut in
den Suff.
Der Alkohol lässt sie nicht nur das Elend vergessen,
sondern auch die Beherrschung. Und dann schlagen sie
zu. Jede dritte Frau in der Mongolei ist das Opfer von
Gewalt in der Ehe. Das Thema ist zwar an die Öffentlichkeit
gedrungen, aber Massnahmen dagegen kommen nicht über
die Papierphase hinaus. Das Recht schützt diese
Frauen nicht, und das einzige Frauenhaus wird von der
Nichtregierungsorganisation Nationales Zentrum gegen
Gewalt in Ulan Bator geführt. Trotz des drohenden
Verlusts der materiellen Sicherheit nehmen nicht mehr
alle Frauen diese Not als gegeben hin. Die 30-jährige
Kindergärtnerin Altanod hat mit ihrer Tochter den
schlagenden Ehemann verlassen. Er wurde mit einem Arbeitsunfalll
nicht fertig, der bleibende Schäden hinterliess.
"Die Schmerzen, deshalb hat er getrunken."
Die Erinnerung treibt Altanod die Tränen in die
Augen. "Wenn er nüchtern war, verstanden wir
uns gut, ja, ich war sogar die Stärkere von uns
beiden."
Ihr Schicksal ist das vieler mongolischer Frauen: stark
zu sein und dann doch zu den Schwachen zu gehören.
Oyuna kämpft dafür, dass die Stärke der
Frauen anerkannt wird und sie selber ihre Stärke
anerkennen. Dass die Wählerinnen ihre Stimmen den
Politikerinnen geben. Dass die Berufsfrauen sich ihre
gute Ausbildung mit mehr als einer Handlangerposition
vergelten lassen. Dass die Frauen in der Ehe nicht alles
dulden. Shatar hat richtig erkannt: Ohne die Männer
geht es nicht. Doch die sitzen immer noch, wie Sukhbaatar,
auf einem hohen Ross.
Leben wie zu Zeiten Dschingis
Khans
Strenge Winter haben den Viehbestand in der Mongolei
stark dezimiert. Doch die Landwirtschaft leidet nicht
nur unter den klimatischen Bedingungen.
Die Mongolei hat begonnen, sich nach dem Ende des sozialistischen
Systems 1990 wieder in das zurückzuverwandeln,
was es einmal war: ein Nomadenland.
Die Rückkehr zur alten Lebensweise schien die
Antwort zu sein auf die harschen Bedingungen der freien
Marktwirtschaft. 1998 gab es doppelt so viele viehzüchtende
Nomaden als 1989, und der Viehbestand stieg im gleichen
Zeitraum um die Hälfte auf etwa 30 Millionen. "
1993 bis 1999 waren klimatisch gute Jahre", sagt
Markus Dubach, "man musste nichts können,
und die Tiere vermehrten sich trotzdem." Der Schweizer
Agronom ist Leiter der Entwicklungszusammenarbeit bei
Joint Christian Services International (JCS) und seit
acht Jahren in Ulan Bator stationiert.
Im Winter 1999 kam der Dzud, mit Schneestürmen
und Temperaturen bis zu 50 Grad unter Null. Die Tiere
kratzten bei der Futtersuche hilflos an der Eisschicht
auf der Erde. 3,5 Millionen Tiere verendeten. Der Sommer
brachte eine Dürre, und im nächsten Winter
fegte der Dzud wieder über die Steppe. Die Schweiz
reagierte auf den Hilferuf aus der Mongolei im Januar
dieses Jahres, indem sie unter der Ägide der Direktion
für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA eine halbe
Million Franken zur Verfügung stellte und Mitarbeiter
des Schweizerischen Katastrophenhilfekorps entsandte.
"Dies ist das erste Hilfsprojekt der Schweiz in
der Mongolei", sagt der SKH-Logistiker Carlos Marbach.
Er und seine Kollegin Flavia Lazzeri besorgten innerhalb
eines Monats über Tausend Tonnen Futtermittel für
zwei stark betroffene und schwer zugängliche Provinzen
im Nordwesten des Landes. "Wir führten das
Futter in fünf Lastwagenkonvois aus Russland ein",
sagt Marbach. "Die Beschaffung in der Mongolei,
wo durchaus Reserven vorhanden gewesen wären, gestaltete
sich als zu schwierig und langwierig." Marbach
und seine Kollegin besorgten auch Medikamente aus der
Schweiz für die geschwächten Tiere, die unter
der Aufsicht von JCS Tierärzten geimpft wurden.
Carlos Marbach schätzt, dass dem Dzud etwa 4 Millionen
Tiere zum Opfer gefallen sind. Seine Prognosen für
die Zukunft sind düster. "Die Provinz Uvs,
der wir zugeteilt waren, schlittert in die gleiche Katastrophe
hinein. Dort herrscht diesen Sommer wieder Dürre."
Zur Zeit prüft die DEZA, vor Einbruch des Winters
weitere Futtermittel zu liefern.
Neben den klimatischen Bedingungen hat auch der grosse
Tierbestand zur Futterknappheit beigetragen. Das Land
ist überweidet, und so können sich die Tiere
während des Sommers nicht genügend Winterspeck
anfressen. "Es ist wieder wie zu Zeiten Dschingis
Khan: Die Nomaden kämpfen buchstäblich um
Wasser und gute Weideplätze", sagt Markus
Dubach.
Die Malaise auf dem Land greift tief: Wasserstellen
werden nicht mehr unterhalten und zerfallen; die tierärztliche
Versorgung ist nach der Privatisierung 1998 ein Luxus
geworden, bereits ist die Maul- und Klauenseuche wieder
aufgetreten; Bauern haben zu wenig Geld, um Saatgut,
Düngemittel und Maschinen zu kaufen, die Produktion
von Weizen ist in einem Jahrzehnt von 600'000 Tonnen
auf unter 138'000 Tonnen gefallen; insgesamt sind die
Nahrungs- und Futterreserven ständig zurückgegangen;
zudem sind Dreiviertel der Herden zu klein, um die Nomadenfamilien
- etwa ein Drittel der Bevölkerung - zu ernähren.
Bereits 1999 kam die UNO zum Schluss, dass mehr als
die Hälfte der Mongolen zu wenig zu essen haben.
Krankheiten wie Cholera, Typhus und Tuberkulose sind
zurückgekehrt.
Nun will der Staat wieder vermehrt eingreifen und wie
im Kommunismus die Zuteilung der Weideplätze übernehmen.
Markus Dubach befürchtet, dass diese Massnahme
nur kurzfristige Resultate bringen wird: "Damit
werden die Anpassungsprobleme an die neuen Wirtschaftsstrukturen
nicht überwunden!" Mit der Verschiebung der
Verantwortung ist es nicht getan, wenn die Regierung,
die fest in der Hand der Revolutionären Volkspartei
ist, nicht vom Weg der Marktwirtschaft abweichen will.
Joint Christian Services leisten praktische Hilfe zum
besseren Umgang mit der neuen Ordnung. Sie unterstützen
Tierärzte beim Aufbau von privaten Praxen, sie
testen Weizen- und Gerstensorten, sie stellen Mikrokredite
zur Gründung von Kleinbetrieben zur Verfügung,
und sie errichteten einen modernen, auf mongolische
Bedingungen ausgerichteten Milchwirtschaftsbetrieb als
Modell. Die überdimensionierten Agrarbetriebe nach
sowjetischem Vorbild stehen verlassen.
Die Mongolen wurden 1990 ohne das nötige Rüstzeug
in die Privatwirtschaft entlassen. Ihnen muss Gelegenheit
geboten werden, sich dieses Wissen anzueignen. Wenn
nicht, wird das Leben wie zu Zeiten Dschingis Khans
bald keine Erinnerung mehr sein, sondern Realität.
Auf keinen Fall Ackerbau
Davasodnom, 67, holt den Schnupftabak hervor und zieht
sich eine Prise in die Nase. Seine Jurte steht etwa
zwei Autostunden ausserhalb von Ulan Bator in der Provinz
Tuv. Der gelernte Elektriker ist erst nach seiner Pensionierung
zum Nomaden geworden; die Rente reicht nicht.
Er hat 47 Yaks, 20 Pferde und 42 Schafe, sechs Kinder
und 16 Enkelkinder. Die meisten seiner Kinder sind arbeitslos
und schlagen sich als Kleinhändler in Ulan Bator
durch. Eine Tochter liegt in der Jurte unter einer Wolldecke
vergraben. Sie ist geisteskrank.
"Es gibt zu viele Tiere", sagt Davasodnom,
"das Land reicht nicht für alle." Davasodnom
bereitet sich gewissenhaft auf den Winter vor. Er macht
selber Heu und kauft noch Futter dazu. "Viele denken
im Sommer nicht an den nächsten Winter. Sie feiern
lieber Naadam, unser Nationalfest, und geniessen das
Leben."
Für Davasodnom sind Katastrophen natürliche
Regulatoren des Viehbestandes. In seiner Provinz hat
der Dzud nicht zugeschlagen, dafür die Maul- und
Klauenseuche. Zudem, sagt er, müsse das Land einfach
besser genutzt werden. Ackerbau kommt für ihn nicht
in Frage - die Niederschläge genügen nicht
für einen guten Ertrag. 
|