«Chinesische Chronik» - Rita Baldegger

Beijing, den 18. September 2001

Der Pasta-König von Peking
Ein Schweizer Koch zeigt, dass man in Peking mit wenig Kapital, dafür mit guten Konzepten Erfolg haben kann.

"Es läuft viel zu gut! Manchmal frage ich mich, warum es keine Probleme gibt!" Alles, was Urs Stöckli in China anfasst, wird zu Gold.

1997 kam der Koch aus Olten ans Fünf-Stern-Hotel Palace an der pompösen Pekinger Einkaufsmeile Wangfujing. "Ich war Chef des italienischen Restaurants Roma und gleichzeitig zuständig für alle Prominenten-Bankette. Ich habe Chirac bewirtet und auch Netanyahu."

Vor zwei Jahren machte sich Urs Stöckli mit einem eigenen Restaurant in Peking selbständig. Getreu seiner Affinität zu allem Italienischem - vor China hat er sechzehn Jahre lang im Tessin gekocht und gewirtet - heisst sein Restaurant "Mediterraneo" und ist der Küche dieser Region verpflichtet.

Das "Mediterraneo" ist zu einem beliebten Treffpunkt mitten im Diplomatenviertel Sanlitun geworden: für heimwehkranke Ausländer ebenso wie für die Schönen und Reichen von Peking. An den Abenden erholen sie sich von Staub, Stau und Hetze der Hauptstadt bei einem kühlen Bianco di Sicilia und Spaghetti alle Vongole.

"In diesem Jahr", sagt Urs Stöckli, "konnten wir den Umsatz um 45 Prozent steigern." Am Restaurant mitbeteiligt sind ein italienischer Hotelfachmann und eine initiative Pekingerin, die alle Verhandlungen mit den Behörden führt. Urs Stöckli spricht kein Wort Chinesisch.

Der Vierzigjährige ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus. Sein nächstes Projekt ist eine Fabrik für Frischeierteigwaren - ein Novum im Land der Mitte. China hat zwar die Nudeln erfunden, aber eben keine Pasta. Mit unverhohlener Begeisterung führt Urs Stöckli durch die im Umbau befindliche Anlage in einem idyllischem Hof am Rande Pekings. "Früher war das eine Biskuit-Fabrik der hiesigen Gemeinde. Als wir sie übernahmen, war sie halbverfallen."

Diese ländlichen Unternehmen (township and village enterprises), entstanden im Zuge der wirtschaftlichen Reformen, trugen bis Mitte der neunziger Jahre massgeblich zum Aufschwung in China bei. Später erlagen manche von ihnen den unvorteilhaften wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und internen Problemen wie ungeschultem Management und veralteten Produktionsmethoden.

Urs Stöcklis "Pasta-Factory" grenzt an die Fabrikationshallen der Beijing Ji Ya Food Company, eine von zwei Firmen in China, die Mozzarella produzieren. Ein sizilianisches Ehepaar, ursprünglich als Philologie- und Biologiedozenten nach Peking gekommen, hat das Joint-Venture-Unternehmen vor sechs Jahren gegründet.

Mittlerweile produziert die Firma 300 Kilo Käse pro Tag - neben Mozzarella auch in kleinerem Umfang Sorten wie Taleggio oder Emmentaler - und liefert "bis nach Urumqi", sagt Urs Stöckli. Das ist die Hauptstadt der entlegenen Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas. "Die Nachfrage ist so gross geworden, dass sie ausbauen müssen. Und das in einem Land, in dem bis vor wenigen Jahren niemand Käse gegessen hat!" Heute ist es für chinesische Restaurants, vor allem in den grossen Metropolen wie Peking und Shanghai, selbstverständlich, Tomaten- und Mozzarella-Salat im Angebot zu führen.

Um Synergien zu schaffen, hat Urs Stöckli seine Fabrik als Zweigstelle der Beijing Ji Ya Food Company eintragen lassen. "Die Gründung eines eigenen Joint Ventures würde mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen. So haben wir von Anfang an alle Rechte eines Joint Ventures, zum Beispiel die Lizenz zur Nahrungsmittelproduktion oder den zollfreien Einfuhr von Anlagen, aber nicht den bürokratischen Aufwand. Zudem kann ich vom bereits vorhandenen Vertriebsnetz profitieren."

Als Gegenleistung ist die Käsefabrik, die auch die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt hat, am Gewinn beteiligt. Erst zu einem späteren Zeitpunkt plant Urs Stöckli, die Pasta-Factory in einen selbständigen Betrieb umzuwandeln. Zu diesem Zweck hat er bereits zusammen mit Schweizer und italienischen Geschäftspartnern die Firma "Apodis" mit Sitz in Rimini gegründet, von welcher auch die Investitionen in der Höhe von 170'000 USD für die Pasta-Factory stammen.

Im Dezember nimmt die Fabrik mit einer anfänglichen Produktion von 10 Tonnen Teigwaren pro Monat den Betrieb auf. Sowohl die Eier als auch die fertigen Teigwaren, hergestellt mit Weizen aus der östlichen Provinz Shandong, werden pasteurisiert. Bei der Verpackung werden zur Verhinderung von Schimmelbildung, Struktur- und Farbveränderungen Sauerstoff und Stickstoff beigegeben, um eine sogenannte "modified ambience" zu schaffen. "Unsere Fabrik ist ganz nach europäischen Normen ausgerichtet", sagt Urs Stöckli.

Die künftigen Abnehmer sind Restaurants, Hotels und Cateringunternehmen, zu denen sich Urs Stöckli in den vier Jahren in der Pekinger Gastronomieszene gute Kontakte aufgebaut hat. Nicht zuletzt spielt der Preis eine Rolle: "Da wir alles lokal produzieren, sind wir eine preisgünstige Alternative zu den teuren Importprodukten, auf die die Unternehmen bisher ausweichen mussten." Dieser Kostenvorsprung, ist Urs Stöckli sicher, wird auch der Eintritt Chinas in die WTO nicht untergraben können.

Noch bevor die erste Pasta vom "Band gelaufen" ist, schmiedet Urs Stöckli weitere Pläne für die Zukunft. "Wir möchten auch Halbfertig- und Fertigprodukte produzieren, zum Beispiel Pastasaucen, Pizze al taglio, gegrillte Gemüse, eingelegte Pilze und anderes mehr. Bei den steigenden Löhnen in Peking werden Hotels und Restaurants mit Sicherheit Personal abbauen und sind dann auf zeitsparende und einfach zu kalkulierende Lösungen angewiesen."

Was würde er Neueinsteigern im China-Geschäft raten? "Wichtig sind gute Ideen und Konzepte, und klein anfangen! Mit Dollarscheinen zu wedeln, beeindruckt hier die Leute nicht mehr. Geld haben sie selber genug."

Chinas "Langer Marsch" in die WTO ist zu Ende

Nach 15-jährigen Verhandlungen hat am Montag eine WTO-Arbeitsgruppe die Bedingungen für eine Aufnahme Chinas in die WTO gutheissen. Die endgültige Genehmigung erteilt das WTO-Ministertreffen im November in Qatar. Anschliessend muss China das Abkommen ratifizieren und weitere dreissig Tage warten, bis die Mitgliedschaft offiziell wird - vermutlich Anfang nächsten Jahres.

"Wir sind glücklich darüber", liess das chinesische Aussenwirtschaftsministerium verlauten. Auch die staatlichen Medien priesen das Ende der Verhandlungen. Li Ruihuan, ein Mitglied des Politbüros, der Zentrale der Macht, äusserte sich vorsichtiger: "Alles in allem bieten sich uns nicht nur aussergewöhnliche Chancen, wir stehen auch grossen Herausforderungen gegenüber." Die WTO werde China enger an die Weltwirtschaft anbinden, doch diese stecke in einer Krise. "Es wird schwierig sein, Chinas Wirtschaft vor den Auswirkungen zu bewahren."

Die WTO-Mitgliedschaft wird China zwingen, die wirtschaftlichen Reformen, die Ende der siebziger Jahre begannen, mit grösserer Geschwindigkeit und Entschlossenheit durchzuführen. Bis heute verzerren massive staatliche Eingriffe die chinesische Wirtschaft.

Eines der grössten Probleme sind die unprofitablen Staatsbetriebe. Trotz Entlassungen sind sie zu einem Drittel mit Personal überbesetzt: Sie beschäftigen etwa die Hälfte aller städtischen Arbeitnehmer. Ihre Kapazitäten hingegen nutzen die Staatsbetriebe nur zur Hälfte aus.

Der Finanzsektor wiederum wird von der Regierung angehalten, die Staatsbetriebe mit Krediten am Leben zu erhalten. 80 Prozent aller Bankkredite gehen an sie. Damit verdrängen sie die noch wenigen, aber aktiven Privatbetriebe vom Kapitalmarkt und gefährden zudem das ganze Finanzsystem: Nach chinesischen Angaben sind 25 Prozent aller Bankkredite "faul", nach westlichen Einschätzungen doppelt soviel.

China hat aus Angst vor sozialen Unruhen vor einer Radikalkur bei den Staatsunternehmen zurückgeschreckt. Diese aber müssen ihre Effizienz steigern, um in Zukunft gegen die ausländische Konkurrenz bestehen zu können. Die ausländischen Unternehmen und der Privatsektor werden am meisten von Chinas Eintritt in die WTO profitieren.