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«Chinesische Chronik»
- Rita Baldegger
Beijing, den 19. September 2001
Chinas Stimme der Vernunft
China hat den USA die Unterstützung im Kampf gegen
den Terrorismus zugesagt - aber mit Vorbehalten.
"China wird sich den Vereinigten Staaten und der
internationalen Gemeinschaft im Dialog und in der Kooperation
zur Bekämpfung aller terroristischen Aktivitäten
anschliessen." Diese Aussage veröffentlichte
die Volkszeitung, das Sprachrohr der Kommunistischen
Partei, am Dienstagabend im Anschluss an eine Pressekonferenz
des chinesischen Aussenministeriums in ihrer Online-Ausgabe.
Damit schlägt sich China auf die Seite der USA.
Der nachfolgende Abschnitt machte jedoch deutlich, dass
China den USA nicht bedingungslos folgen wird. China
werde Angriffe gegen den Terrorismus unterstützen,
wenn schlüssige Beweise vorliegen würden,
die Angriffe auf klare Ziele gerichtet seien und unschuldige
Zivilisten verschont würden. Zudem sollten sie
nach internationalem Recht durchgeführt werden.
China pocht auch darauf, dass es vor militärischen
Massnahmen konsultiert wird.
Trotz diesen Einschränkungen hat sich China am
Dienstag in den staatlichen Medien klarer als bisher
für eine Zusammenarbeit mit den USA ausgesprochen.
Am Montag zitierten ausländische Agenturen einen
hohen chinesischen Sicherheitsbeamten mit den Worten:
"Wir sind gegen militärische Aktionen, die
unter dem Vorwand des Anti-Terrorismus die staatliche
Souveränität anderer verletzen." Ohne
die USA namentlich zu nennen, bezeichnete der Funktionär
Fremdinterventionen als einen der Gründe für
den Terrorismus.
China hat von jeher jede Form der Einmischung in Drittländer
abgelehnt. Die Ereignisse in den USA zwingen die chinesische
Regierung nun, diese Einstellung zu überdenken.
Wie schwer sie sich damit tut, verdeutlichen die unterschiedlichen
Meldungen. Noch herrscht Ambivalenz in ihrer Haltung
gegenüber den USA und möglichen Vergeltungsschlägen
vor.
Nach den Terror-Attacken wurde die einheimische Presse
angehalten, sich streng an die Fakten zu halten und
eine Stellungnahme zu vermeiden. Weder sollten die Terroristen
verurteilt noch allzu grosse Sympathien für die
USA gezeigt werden. Damit verschaffte sich die chinesische
Regierung einen Handlungsspielraum, je nach der Entwicklung
der Lage, und Zeit, ihre Politik zu überdecken.
Innen- wie aussenpolitisch befindet sich China auf einer
Gratwanderung.
Die Bevölkerung hat den USA die Nato-Bombardierung
der chinesischen Botschaft in Belgrad 1999 und die Spionageflugzeugaffäre
im April dieses Jahres nicht vergeben. Der Nationalismus
schlägt hohe Wellen, und anti-amerikanische Gefühle
sind keine Seltenheit. "Die USA haben es sich selbst
zuzuschreiben", war ein häufiger Kommentar
nach den Anschlägen. Vor diesem Hintergrund ist
es zweifelhaft, ob die Bevölkerung eine Unterstützung
amerikanischer Militäraktionen gutheissen würde.
Andererseits könnten andere innenpolitische Faktoren
die Regierung dazu bringen, ebendies zu tun. Afghanistan
grenzt an Xinjiang, eine von muslimischen Uighuren bevölkerte
Provinz und ein notorischer Unruheherd. Die dort schwelenden
separatistischen Tendenzen eruptieren seit Jahren in
gelegentlichen Bombenanschlägen. Die Taliban unterstützen
anti-chinesische militante Uighuren, während Peking
manche Führer der Anti-Taliban-Kräfte beherbergt.
Die chinesische Regierung reagiert intern mit Zuckerbrot
und Peitsche: Sie geht hart gegen Separatisten vor und
stationiert grosse Truppenaufgebote, führt aber
auch wirtschaftliche Fördermassnahmen durch.
Extern hat sie sich auf die Mittel der Diplomatie verlegt.
Um die Lage in Xinjiang unter Kontrolle zu halten und
eine Förderung der Separatisten zu verhindern,
hat China gute Beziehungen zu den zentralasiatischen
Staaten gepflegt. Sogar zur Taliban-Regierung soll China
Kontakte aufgenommen haben.
Abgesehen von der jahrzehntelangen "Allwetter-Freundschaft"
mit Pakistan haben die Anstrengungen auch bei anderen
Ländern Früchte getragen. Im Sommer unterzeichnete
Peking ein Anti-Terrorismus-Abkommen mit Russland und
den ehemals sowjetischen Republiken Tadschikistan, Kirgisistan,
Kasachstan und Usbekistan.
Hinsichtlich des Ziels, der Verhinderung islamischen
Terrors, decken sich die chinesischen und amerikanischen
Interessen. Doch während die USA mit Vergeltungsschlägen
drohen, hat China die Annäherung gesucht und damit
erheblichen Einfluss in der Region gewonnen. Aufgrund
der guten chinesischen Kontakte könnten die USA
von einer Zusammenarbeit mit China nur profitieren.
Für China wiederum ist die Krise eine Gelegenheit,
sich international Profil zu verschaffen und die Beziehungen
zu den USA, die in den letzten Jahren einem ständigen
Auf und Ab unterlagen, zu festigen. Es ist möglich,
dass China als Gegenleistung von den USA mehr Verständnis
für seine Tibet- oder auch Xinjiang-Politik verlangt,
wie dies eine Bemerkung des Sprechers des chinesischen
Aussenministeriums an der obgenannten Pressekonferenz
vermuten liess.
Von diesen Vorteilen abgesehen, könnte die Unterstützung
von amerikanischen Militäraktionen gegen Afghanistan
für China auch unerwünschte Nebenwirkungen
haben, zum Beispiel die Gefährdung der lang gehegten
Beziehungen zur islamischen Welt oder die verstärkte
Radikalisierung der muslimischen Separatisten in Xinjiang.
China hat im Moment viel abzuwägen. Das Beharren
auf genügend Beweisen und einem Vorgehen im Rahmen
der UNO-Bestimmungen sollten jedoch nicht als reine
Verzögerungstaktik abgetan werden. Diese Argumente
sind, von welcher Seite sie auch kommen, schlicht und
einfach vernünftig. 
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